Eiskaltes Blut - Outtake II

“Los! Aufstehen, Schellner! Du bist ein freier Mann - vorerst! Vorerst!”, wiederholte Maryanne. “Aber vergiss’ nicht, ich habe ein Auge auf dich, glaube mir, ich bringe dich nur all’ zu gerne wieder hinter Gitter.” Maryanne wies den Vollzugsbeamten, an die Zelle aufzuschließen.

“Es ist immer dasselbe mit den Bullen, große Fresse, kleine Eier.” Schellner genoss seinen Moment der Überlegenheit in vollen Zügen. Sie mussten ihn gehen lassen und das kotzte sie an, vor allem die Schlampe, die ihm die Nase gebrochen hatte.

“Ich geh’ jetzt erstmal richtig gut ficken! Willste mitkommen? Wird dir bestimmt gefallen.” Schellner warf Maryanne einen Kussmund zu.

“Hau ab, bevor ich dich gleich wieder einbuchte!” Schellner hob Unschuld heuchelnd die Arme. “Dann halt nicht. Dann gibts ne’ Nutte am Euro. Die sind eh’ besser, die sind für alles zu haben.” Schellner drängelte sich am Vollzugsbeamten vorbei, der einen Schritt zurückwich. Maryanne blieb standhaft. Schellner machte ihr keine Angst, trotz Steroidmuskeln und Gesichtstattoos.


Wenn Schellner nicht im Klubheim rumlungerte, war er am Europaplatz, seinem Kiez. Er pendelte von seiner Wohnung zu den Nutten, von den Nutten in die Kneipe und von der Kneipe zurück in seine Wohnung. Ein Gewohnheitstier, das dortblieb, wo es sich auskannte und, was für Schellner wichtig war, wo man ihn kannte und fürchtete. Er wusste, wie der Hase lief. Die Bullen hatten ihn gehen lassen, um an Rokko heranranzukommen. Er war nicht bescheuert, sie würden ihn überwachen und verfolgen in der Hoffnung, dass er sich mit ihm träfe, dann würden sie zuschlagen. Einen seiner Überwacher hatte er schon am Abend nach seiner Entlassung bemerkt. Ein schäbiger roter Golf stand gegenüber seiner Wohnung und irgendein Hans Wurst musste die ganze Nacht Wache halten. Sollten diese Drecksbullen doch ihre Zeit damit verschwenden, ihm beim Saufen und Ficken zuzusehen.

*

Er wusste es, Schellner hatte sich noch nie unter Kontrolle gehabt. Er war ein tollwütiger Hund, den man nicht von der Kette lassen sollte. Ihm gefiel das Bild. Schellner als Hund, das passte gut. Er teilte viele Charakterzüge mit den räudigen Vierbeinern. Stärke, Wildheit und uneingeschränkte Loyalität zu Rokko, den Fürstentorultras und dem FSC. Letztere hatte ihn schon wieder ins Gefängnis gebracht. Wie bei den vorherigen Besuchen blieb er nicht lange hinter Gittern. Drei Tage Untersuchungshaft war das höchste der Gefühle, mehr konnte und wollte sich die klamme Stadtkasse nicht aufbürden. Ohne Flucht- oder Verdunklungsgefahr würde die Polizei ihn widerwillig wieder auf freien Fuß setzen.

Das hatten sie damals auch gemacht. Es lief immer gleich ab. Verhaftung, Anklage, Einstellung des Verfahrens aus Mangel an Beweisen oder Reduktion der Anklage. So wurde aus schwerer Körperverletzung mit Todesfolge schlussendlich Landfriedensbruch. Lächerlich. Dieses Mal würde er nicht mit einem blauen Auge davonkommen, das Glück war verbraucht. Fortuna hatte ihn verlassen. Anfangs stand Schellner nicht auf der Liste. Er war nicht wichtig genug, um gerichtet zu werden. Irgendwo musste er die Grenze ziehen, zu groß war die Gefahr, zu gering war der Ertrag. Dann trieb Schellners Verhaftung einen Keil zwischen ihn und Rokko, er musste nach der Entlassung die Füße stillhalten und das Klubheim meiden, um Rokko nicht in Gefahr zu bringen. Von der Herde isoliert war er ein leichtes Ziel und bei Gott er hatte Strafe verdient.

“Siehst du Steffi.” Kramer deutete auf Schellner, der die Treppen des Polizeipräsidiums herunterschlenderte. Er steckte die Hände in die Taschen und spuckte abfällig auf den Boden.

“Sie werden dir nicht helfen. Sie lassen sogar dieses Monster wieder frei.” Steffi nickte beschämt. “So läuft es aber nicht mit mir.”

“Du hast den Plan verstanden? Wenn ich dich anrufe, gehst du in Position.” Wieder ein Nicken. Kramer gab Steffi ein Prepaid-Handy.

“Egal, was passiert, bleib cool.” Steffi steckte das Handy in den Schaft eines ihrer Stiefel.

 

Um die Mittagszeit war am Europaplatz nicht viel los, der Großteil der Prostituierten kam erst abends, wenn die Dunkelheit die Identität ihrer Freier verbarg. Schellner steuerte seinen Wagen in Schrittgeschwindigkeit an der Fleischtheke vorbei. Die meisten, die schon mittags arbeiteten, hatten das Geld bitter nötig. Viele von ihnen hingen an der Nadel oder rauchten Crack. Schellner nahm einen großen Schluck aus seinem Flachmann. Vor ein paar Jahren hatte ihm eine der Schlampen einen Tripper angehängt. Er konnte drei Wochen nicht schmerzfrei pissen, darauf hatte er keinen Bock. Eine junge, blonde Frau in Overknee Stiefeln, schwarzem Minirock und engem Top wartete auf Kundschaft. Schellner wendete seinen Wagen und fuhr zurück. Die Kleine sah zwar fertig aus, aber nicht verbraucht. Er ließ das Fenster runter und sprach sie an. Als sie näherkam, bemerkte er, wie gut sie aussah.

“Steig’ ein Süße. Ich geb’ dir nen Fuffi für das ganze Programm.”

Die junge Frau nickte schüchtern, lief um das Auto herum und stieg ein. Die Frauen, die nicht den Luxus eines Wohnwagens hatten, bedienten ihre Freier im Rheynauer Forst, einer kleinen Parkanlage in der Nähe des Europaplatzes.

“Was is’ los Süße, hast du Angst vor mir?” Schellner betrachtete sein lädiertes, tätowiertes Gesicht im Rückspiegel. “Musst du nicht, ich bin ganz zahm, wenn du machst, was ich von dir will.” Schellner lachte. Sein Atem stank nach Zigaretten und Alkohol.

“Nein. Ich habe keine Angst.”

“Dann komm her.” Er zog sie näher an sich.

“Ich habe das nur nicht so oft gemacht.”

“Das wird ja immer besser.” Er grinste

“Ich steh’ auf Frischfleisch, du bist wenigstens nicht so ausgeleiert wie die anderen Fotzen.” Er legte seine Hand auf ihr Knie und schob ihren Rock nach oben, bevor er an ihr nach oben glitt und ihre Brüste betatschte. Schellner griff mit der anderen Hand an seinen Gürtel und öffnete seine Hose. “Dann legen wir mal los, du kleine Schlampe.”

Wie aufs Stichwort wurde die Tür der Fahrerseite aufgerissen, eine Hand schoss in den Innenraum, ein Lichtbogen durchzuckte die Luft, gefolgt von einem hochfrequenten Surren. Schellner stöhnte, krampfte unkontrolliert hin und her und sackte in sich zusammen. Steffi japste. “Danke. Ich hätte es nicht mehr länger mit ihm ausgehalten.” Kramer strich ihr sanft über den Kopf.

“Alles ist gut. Du hast alles richtig gemacht. Ich bringe dich jetzt nach Hause.”

 

Der Boden war vom Regen durchnässt. Mit jeder Schaufel wurde die Erde schwerer. Seine Oberarme brannten. Es hatte wieder zu nieseln begonnen. Immerhin hielt das Wetter unliebsame Besucher fern. Keine Pausen, nicht aufhören. Immer weiter. Die weit entfernte Sonne hatte ihren Arbeitstag fast beendet, als Kramer endlich mit seiner Arbeit fertig war. Er hatte Schellner mit einer doppelten Dosis Lidocain aus seinem Medikamentenschrank kaltgestellt. Laut seiner Recherche sollte ihn das mindestens drei Stunden außer Gefecht setzten. Kramer stützte sich auf seine Schaufel und zündete sich eine Kippe an. Er hatte drei Stunden gebraucht, um dieses verdammte Loch auszuheben. Demnach war Schellner schon über vier Stunden bewusstlos. Hatte er zu viel von dem Zeug in Schellners Körper gepumpt? Laut Steffi war Schellner alkoholisiert, hatte er ihn durch unglückliche Wechselwirkungen aus Versehen getötet? Kramer schnickte die Kippe in das Erdloch. Beim nächsten Mal würde er sich besser vorbereiten. Er ging zu seinem Wagen und öffnete den Kofferraum. Schellner lag immer noch regungslos da. Er fühlte den Puls, schwach aber da. Mit einem Griff unter die Schulter und einem Ruck wuchtete er Schellner aus dem Kofferraum und ließ ihn unsanft auf die Erde fallen.

*

Schellner hatte die schlimmsten Kopfschmerzen seines Lebens. Er brauchte einen Moment, um seine Gedanken zu sortieren. Es war kalt, es war feucht und es war dunkel. Ihm stieg ein vertrauter Geruch in die Nase, ein Geruch, den er schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Es roch nach nasser Erde. Jetzt viel ihm alles wieder ein. Diese scheiß’ Nutte hatte ihn abgezogen. Schellner versuchte sich hochzuwuchten, scheiterte und bemerkte, dass er gefesselt war. Mit einem Ruck wurde ihm etwas vom Kopf gezogen und neben ihn auf den Boden geschleudert. Schellner drehte seinen Kopf zur Seite. Neben ihm lag ein dunkler Jutesack am Boden.

“Wie schön, dass du wieder fit bist.”

Schellner konnte die Person, die über ihm stand, nicht sehen. Er versuchte sich auf den Rücken zu drehen, wurde jedoch mit einem Tritt in die Seite in seiner Bewegung gestoppt. Er stöhnte, als ihm die Luft aus der Lunge getrieben wurde. Er hustete, dann sog er gierig frische Luft ein und begann zu schreien.

“Was soll der Scheiß! Weißt du überhaupt, wer ich bin? Wenn du mich jetzt sofort befreist, kommst du mit gebrochenen Beinen davon.”

Mitten durch Schellners Wut schnitt eiskalt ein Wort, das ihn erstarren ließ.

“Ja!”

Stille.

“Ich weiß genau, wer du bist. Ich weiß genau, was du bist. Du bist Nils Schellner, du bist Dreck und heute wirst du für all’ deine Verbrechen büßen!”

“Damit kommst du nicht durch, du Spinner!” Schellner wechselte die Strategie. Dem Problemlösungsansatz Drohen folgte nun der Appell an die Vernunft und die Gnade. Kramer trat neben ihn und ging in die Hocke. Schellner begann, um Hilfe zu rufen.

“Spar dir die Luft. Du wirst sie später noch brauchen. Außerdem hört dich hier niemand schreien.” Schellner drehte seinen Kopf zur Seite und starrte Kramer verwirrt und entsetzt an. Nun wieder mit gedämpfter Stimme fragte er: “Wer bist du?”

“Das ist das Schlimmste.” Kramers Stimme war ruhig und fest. “Das Schlimmste an dir und deiner Art. Du scherst dich einen Scheiß’ um andere. Kein Gewissen, keine Moral, du verschwendest keinen Gedanken daran, was dein Verhalten für Auswirkungen haben kann. Heute wirst du Zeit haben, dir darüber Gedanken zu machen.” Kramer zündete sich eine weitere Zigarette an. Eigentlich rauchte er nie. Früher war es ihm immer verboten worden. Erst von seiner militanten Mutter, die ihren Vater an den Lungenkrebs verloren hatte, später als er Sport machte, verboten es die Trainer. Doch hier und heute war niemand da, der es verbieten konnte.

“Wie viele Menschen hast du krankenhausreif geprügelt? Wie viele Leben hast du zerstört? Mit Schlägen, Tritten, den gepanschten Steroiden, die du zusammen mit Rokko vertickst.” Kramer stand auf streckte sein lädiertes Bein und ging wieder in die Hocke.

“Du weißt es nicht und es ist dir scheißegal. Kannst du mir sagen, wie der Junge heißt, den du im letzten Herbst totgeprügelt hast?” Schellner setzte dazu an etwas zu sagen, doch Kramer ließ ihn nicht zu Wort kommen.

“Er hieß Florian.”

“Was soll’ der Scheiß!”, fuhr Schellner aggressiv dazwischen. “Willst du mich zu einem Geständnis zwingen? Das wird nix! Die Bullen haben nichts gegen mich in der Hand.” Kramer blieb still. Er ließ Schellners Wut vom Regen wegspülen.

“Ich weiß, dass die Polizei nichts gegen dich in der Hand hat, sonst wärst du nicht hier.”

“Willst du Geld?”

Kramer lachte. “Du verstehst es nicht. Ich will Rache. Rache für das, was ihr meinem geliebten Freund Yannick angetan habt, Rache für das, was ihr mir angetan habt, Rache für alle Menschen, deren Leben du zerstört hast.” Kramer packte seinen Gefangenen an der Schulter und drehte ihn auf die Seite.

“Siehst du das? Das ist dein Grab! Ich habe es nur für dich ausgehoben.” Kramer zeigte auf den Erdhaufen, in dem noch immer die Schaufel steckte.

“Du wirst hier sterben, Nils. Wie gefällt dir die Wendung der Ereignisse?” Schellners aggressive Attitüde fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus.

“Das kannst du nicht machen, Alter! Meine Leute werden mich suchen!”

“Niemand wird dich suchen, weil dich niemand vermissen wird”, fiel ihm Kramer ins Wort. “Du bist Dreck!”. Er packte Schellner an den Beinen und begann ihn in Richtung des Erdloches zu zerren.

“Du bist ein unwichtiges Stück Scheiße! Für dich ist das Vergessen bestimmt!”

“Rokko wird mich suchen!” Schellner versuchte sich aus Kramers Griff heraus zu wenden. Kramer legte Schellner parallel zu dem Loch ab.

“Rokko, Rokko, Rokko! Einen Scheiß wird Rokko tun.” Kramer beförderte den nun wieder um Hilfe rufenden Schellner mit einem Tritt in das Loch. “Rokko ist der nächste auf meiner Liste! Er wird genauso für seine Verbrechen bezahlen wie du.” Kramer griff sich die Schaufel und schleuderte Schellner eine Ladung Erde ins Gesicht.

“Fällt dir nun wieder ein, wer ich bin?” Schellner wälzte sich hin und her und versuchte die Erde abzuschütteln. “Oder muss ich immer noch nachhelfen?” Er schleuderte eine weitere Schaufel in das Grab. “Ich hatte die Nummer neun. Ich war Stürmer.” Nun begann er, die Erde auf Schellners Beine und Brustkorb zu schaufeln. “Damals war ich noch kein Krüppel! Ich war verdammt gut!” Immer mehr Erde flog durch die Dunkelheit auf den panisch zappelnden Mann. Seine Rufe waren einem panischen Japsen gewichen. “Ich hätte groß rauskommen können, wärst du nicht gewesen. Du und dieser Fettsack Rokko! Ihr habt mich zum Krüppel getreten. Wegen eines einzigen verschossenen Elfmeters.” In Schellners Augen blitzte die Erkenntnis auf. Kramer steckte die Schaufel in den Erdhaufen und beugte sich schwer atmend zu Schellner herunter.

 

“Nun fällt es dir wieder ein.” Schellner wollte etwas sagen, prustete, blieb still dann nickte er. “Wir hätten den Aufstieg eh nicht geschafft, aber wie immer war dir das egal.” Kramer spuckte Schellner ins Gesicht. “Fraus hat damals alles vertuscht, ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, wieso. Karriereende aufgrund einer im Training zugezogenen Knieverletzung, war die offizielle Begründung. Fraus ist der Letzte auf meiner Liste, für ihn habe ich mir etwas Besonderes überlegt. Ein Schicksal, schlimmer als der Tod.” Schellners Atem ging schnell, apathisch starrte er ins Nichts. Kramer erhob sich, schlurfte zurück zum Erdhügel und griff sich die Schaufel. Er stellte sich breitbeinig über Schellner und hob die Schaufel drohend in die Dunkelheit. “Gute Nacht, Nils. Niemand wird dich vermissen.”