Eiskaltes Blut Outtake I

Doktor Arthur Tampling riss das Briefkuvert an einer der kurzen Seiten auf. Eine Sicherheitsmaßnahme gegenüber Briefbomben, witzelte er immer, wenn er darauf angesprochen wurde. Die wahre Geschichte dieses Spleens war bei weitem nicht so reißerisch. Tampling war froh, dass er bisher nie eine Briefbombe geschickt bekommen hatte. Warum auch? Er war weder ein Mafiaboss noch ein zwielichtiger Politiker. Er hatte in den letzten zwanzig Jahren nicht einmal Streit mit seinen Nachbarn gehabt. 

Sein Vater hatte ihm zur Eröffnung seiner eigenen sportmedizinischen Praxis einen Brieföffner aus Elfenbein geschenkt. Der kunstvoll verzierte Brieföffner war über 130 Jahre alt und so stumpf wie nur möglich. Nach der Hälfte des Weges durch den Umschlag verließen den Brieföffner jedes Mal die Kräfte und er riss sich den restlichen Weg durch das Papier. Nach mehreren beschädigten Dokumenten ging Tampling dazu über, die Kuverts an der kurzen Seite aufzutrennen. Dafür reichte die Schärfe der Klinge meistens aus und wenn nicht, riss sie nur die Ecke des Kuverts ab und nicht ein Stück des Briefes. Heute war sein Vater tot, seine Praxis geschlossen und der Brieföffner zu Hause in einer Vitrine, dennoch riss er die Briefe immer noch genauso auf. Manche Dinge änderten sich nie. Manche Dinge durften sich nicht ändern. Sie standen symptomatisch für die gute alte Zeit. Doktor Arthur Tampling brauchte ein paar Konstanten in seinem Leben, waren sie auch noch so klein. Seit er seine Praxis aufgegeben hatte und in das Oberhaus des Fußballs gezogen war, waren seine Arbeitstage nicht mehr so ruhig. Er hatte keine Hobbysportler mehr zu behandeln, die sich bei einem Übersteiger das Außenband gerissen hatten. “Nein, so etwas wird heute nicht mehr operiert. Hier haben sie eine Aircast Schiene, der Nächste bitte.” Zusammen mit dem aktuellen Meister der Bundesliga tourte er durch Deutschland, Europa und den Rest der Welt. Eine aufregende und erfüllende Aufgabe, die seine Ehe besser weggesteckt hatte als sein Herz im medizinischen Sinn – hohe Verantwortung und unstete Lebensweise belasteten es. Trotz allem liebte er seinen Beruf, auch an so dunklen Tagen wie diesen.

Sehnsüchtig hatte er auf den Brief gewartet, der nun an der kurzen Seite aufgerissen auf seinem Schreibtisch lag. Die drei Tage Wartezeit hatten sich wie eine Ewigkeit gestreckt, obwohl er den Expressservice in Anspruch genommen hatte. Weitere fünf Tage hätte er vor Anspannung wohl nicht überlebt. Er hatte die Kosten für die Untersuchung selbst getragen und die Kostensteigerung um 100% für den schnellen Service war es wert gewesen. Der Brief enthielt die gewünschten Ergebnisse. Ein Hoch auf das vereinte Europa, dachte Tampling als er den Poststempel betrachtete. Von Warschau bis zu seinem Briefkasten hatte der Brief nur einen Tag gebraucht.

Tampling zog eine schlichte DIN A4 Seite aus dem Kuvert, entfaltete sie und begann zu lesen. Er hatte Recht behalten. Die Hkt-Werte waren bei 63,5% um 13,5 Prozentpunkte zu hoch. Der 17β-Hydroxyandrost-4-en-3-on Wert war sogar noch höher, 50% mehr als bei Personen seines Alters üblich. Der Satz “Sonst keine weiteren Abweichungen”, mit dem der Brief schloss, wirkte in diesem Kontext zynisch. Als würde einem gesagt: “Sie haben einen inoperablen Hirntumor, aber sonst sind sie gesund.” 

 

Tampling legte den Brief auf seinen Scanner und digitalisierte ihn. Sein anfänglicher Fanatismus, mit dem er seiner Vermutung hinterher hetzte, war verflogen. Er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, was er tun würde, falls sich sein Verdacht bestätigen würde. Die Euphorie über den Brief, dessen Inhalt und sein richtiges Gespür kehrten sich schnell um. Die Freude über seinen Instinkt entpuppte sich als die Eitelkeit eines alten Mannes, der nach Bestätigung suchte. “Warum mache ich das überhaupt?” Er packte den Brief in das Kuvert zurück und legte ihn unter seine Schreibtischunterlage.

 

Im Verlauf des Tages verzogen sich die dunklen Wolken, die das Öffnen dieser “Briefbombe” heraufbeschworen hatte, etwas. Dr. Tampling ging in seiner Arbeit auf. Die Saison hatte begonnen und er musste zusammen mit dem restlichen medizinischen Stab das Lazarett leer bekommen. Jeder Spieler wurde gebraucht, die Dreifachbelastung mit Liga, Pokal und Champions League war nicht zu verachten, vor allem da die anderen Vereine in der Liga aufholten. Allen voran der SFC Westheim. Physiotherapien, Lauftraining und Belastungstest standen heute für die Verletzten auf dem Programm. Erst wenn sie wieder topfit waren, durften sie zurück zum Mannschaftstraining. Der Brief kam ihm erst wieder in den Sinn, als Tampling zum Tagesabschluss den Bericht an die Vereinsführung tippte “…keine Abweichungen von Zeitplan nötig…”.

In dieser Nacht schlief Tampling schlecht. Was, wenn es kein Einzelfall war? Oder doch? Ach, Quatsch. Es musste ein Einzelfall sein. Aber der Junge müsste doch wissen, dass so etwas bei einem Medizincheck herauskommt. Jeder wechselwillige Spieler wurde vor einem möglichen Vertragsabschluss auf Herz und Nieren geprüft. Wusste er es nicht? 

 

Tampling wälzte sich in seinem Bett hin und her. Er fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem er wieder und wieder erwachte. 0.55 Uhr, 2.14 Uhr. 3.36 Uhr. 

Um 5 Uhr hielt er es nicht mehr aus. Er stand auf, zog sich an und machte einen Spaziergang. Die Stadt lag noch friedlich unter einem blauen Schleier. Er genoss die klare Luft und die gespenstische Ruhe, die den frühen Morgenstunden innewohnten. Die wärmenden Sonnenstrahlen, die die letzten Tage so angenehm gestaltet hatten, waren noch nicht da, ob sie noch einen weiteren Tag durchhalten würden?  Die Meteorologen hatten einen frühen, kalten Winter angekündigt. In einer kleinen Grünanlage setzte er sich auf eine Bank und dachte nach. Was sollte er tun? Es stand außer Frage, dass er etwas unternehmen musste. Sein Wissen zu verschweigen würde gegen die Ethik seines Berufes und gegen seinen Sportsgeist verstoßen. Die beiden Dinge, die ihm mit am wichtigsten waren. Aus seinem Wissen Kapital zu schlagen, stand nicht zur Debatte. Im Endeffekt gab es nur zwei Möglichkeiten. Zur Presse zu gehen oder die Schuldigen direkt zu konfrontieren. Tampling scharrte mit seinen Füßen im Kies. In der Stille wirkte das Scharren ungewöhnlich laut. Wenn er die Presse informierte, könnte das Folgen haben, die nicht abzusehen waren. Die Informationen existierten. Sie waren belastend, aber auch vage. Was wäre, wenn das Labor einen Fehler gemacht hätte? Auch dem IOC und dessen Organen konnten Fehler unterlaufen. Was wäre, wenn die Proben zum Beispiel vertauscht worden waren? Die Presse würde sich trotzdem auf den Jungen stürzen und ihn zerfleischen. Es könnte einer der größten Skandale sein, die Fußballdeutschland seit der Sache mit dem gekauften Sommermärchen erlebt hatte. Tampling stand auf. Er hatte einen Entschluss gefasst. Er würde sich zuerst an den Vorstand wenden, noch heute, am besten gleich. Gleich nach dem Frühstück würde er nach Westheim aufbrechen. Sie sollten einen Informationsvorsprung bekommen, um die Sache ordentlich regeln zur können. Sollte nichts geschehen, konnte er immer noch zur Polizei oder zur Presse gehen, immerhin hatte er den Brief in der Cloud gespeichert.

 

“Guten Morgen, Herr Fraus.“ Die Stimme der Sekretärin klang blechern durch den Lautsprecher.

„Herr Doktor Oswald wäre nun da.“ „Schicken Sie ihn rein.“ Kein Bitte, kein Danke, keine Verabschiedung, Fraus legte einfach auf. Er war nicht in der Stimmung für gespielte Höflichkeiten. Es stand zu viel auf dem Spiel, erst wenn der Millionendeal sicher über den Tisch gegangen war, konnte er wieder entspannen und seine Zeit und Energie damit verschwenden, soziale Etikette zu befolgen. Einen Großhändler zu wechseln, fiel aus dem Tagesgeschäft heraus, war etwas Besonderes, eine Herausforderung. Gerade nach dem Fiasko mit dem Zulieferer aus Bulgarien. Fraus ärgerte es, dass ein so langes Arrangement ein so abruptes Ende gefunden hatte. Sein Sodbrennen meldete sich, so stark wie schon lange nicht mehr. Die Magensäure stieg ihm immer weiter seine Speiseröhre hinauf. Er kramte eine kleine Tablettendose aus einer Schreibtischschublade und warf sich ein paar Tabletten in den Rachen. 

Fraus spülte sie gerade noch herunter, als die Tür geöffnet wurde.

„Ich hoffe Sie haben gute Nachrichten.“ Wieder keine Begrüßung, in der Welt des Geldes stirbt die Höflichkeit schon im Kindsbett, hatte Fraus’ Mutter ihm schon vor mehr als fünfzig Jahren gesagt - sie hatte recht behalten, wie so oft. 

„Ja, es gibt gute Nachrichten, die ersten Testergebnisse wirken durchaus vielversprechend, als kleinen Bonus konnten sogar die Kosten des Projekts um fünf Prozent reduziert werden im Vergleich zu der letzten Versuchsreihe.“ 

„Wirken durchaus vielversprechend? Bonus?“ Fraus imitierte die ungewöhnliche Betonung des Arztes, der Bonus immer wie Bonn - us aussprach. „Was soll das heißen? Wollen Sie jetzt einen Orden, weil Sie ein bisschen an den Büroartikeln gespart haben? Ich will nur wissen, ob die neue Methode wirkt oder nicht?“ Oswald war über die Dreistigkeit seines Vorgesetzten erbost, von Mal zu Mal nahm er sich mehr heraus. Fett und feist saß er auf seinem Arsch, ohne überhaupt eine Ahnung von der Problematik und der Methodik einer solchen fundamentalen sportmedizinischen Arbeit zu haben. 

 

„Wie viele Projekte dieser Art habe ich schon betreut? Sechs oder sieben mindestens! Sie wissen ganz genau, dass ich erst nach Phase drei fundierte Ergebnisse vorweisen kann, was Langzeitergebnisse und Langzeitfolgen betrifft. Im laufenden Spielbetrieb sind diese Tests aber nur begrenzt möglich, das wissen Sie aber genauso gut wie ich, Sie sind schließlich schon lange genug dabei. Alle Aussagen davor sind bestenfalls Kaffeesatzleserei.“ 

„Es geht hier um verdammt viel Geld, das ist Ihnen hoffentlich klar.” Fraus knallte die Faust auf den Tisch. “Fünf Prozent hin oder her. In ein paar Tagen kommt der nächste große Deal zustande, daher will ich wissen, ob die Methode wirkt, bevor ich Millionen in den Sand setze mit einer Methode, die nicht mal für die Regionalliga taugt!“ Fraus Kopf nahm eine rötliche Färbung an, sein Magen rumorte und seine Speiseröhre kochte fast über, der Vulkan stand kurz vor dem Ausbruch. Er schlug sich auf die Brust und hustete.

„Es hängt verdammt viel an diesem Projekt, wenn es gelingt, können wir in den nächsten Jahren viel erreichen, die Krone Europas ist das Ziel und da reichen … „vielversprechende Testergebnisse“ nicht aus.

“Es wird funktionieren“, beschwichtigte Oswald seinen Vorgesetzten, der sich eine weitere Hand voll Tabletten einwarf. „Wir brauchen nur Geduld, es ist nun mal etwas vollkommen Neues und solche neuen Methoden benötigen ihre Zeit, wenn man nicht ewig mit Kinderkrankheiten befallen sein möchte. Jeder Tag, den wir länger in die Entwicklung stecken, zahlt sich langfristig zehnfach aus.“ 

„Das will ich aber auch hoffen. Schließlich kostet Ihre Abteilung eine Menge Geld - hauptsächlich mein eigenes. Ist das das Exposé?“ Fraus deutete auf eine schlichte Mappe in Oswalds Hand. 

„Ja, das ist es, die ersten Ergebnisse und das weitere Vorgehen für die nächsten acht Wochen.“ 

„Geben Sie her und dann raus mit Ihnen. Ich habe zu tun, und suchen Sie sich für die Abwicklung einen verlässlicheren Gehilfen als diesen Brähmer, der Mann ist eine tickende Zeitbombe.”

Fraus blätterte das kurze Exposé durch. Es war weniger als der Doktor versprochen hatte, dafür machten die Zahlen einen soliden Eindruck, was sofort seine Stimmung hob und seinen Blutdruck senkte. Fraus’ Telefon klingelte erneut. “Was!?”, fragte Fraus barsch, er ließ das Exposé sinken und starrte genervt das Telefon an. 

“Ähm, ein Dr. Arthur Tampling ist hier, er will Sie sprechen”, sagte die Sekretärin duckmäuserisch. 

“Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich nicht gestört werden will, was gibt es daran nicht zu verstehen.” 

“Ja, das haben Sie. Ich würde Sie auch nicht belästigen, wenn es nicht wichtig wäre.” Die Stimme der Sekretärin klang nun etwas fester. “Was will dieser…” “Doktor Arthur Tampling”, ergänzte die Sekretärin. 

“Ja ja, ich weiß wer das ist.” 

“Das hat er nicht wirklich gesagt, er hat nur gesagt, dass es immens wichtig wäre. Ich wollte ihm einen Termin für nächste Woche geben, aber er ließ sich nicht abwimmeln. Er bestand darauf, sofort mit Ihnen zu sprechen.” 

“Mhhh gut”, brummte Fraus genervt, “Schicken Sie ihn rein, er hat fünf Minuten, nicht mehr.” Fraus ließ das Exposé in einer seiner Schreibtischschubladen verschwinden, dann stand er auf, strich sich den Anzug glatt und hustete. Einen Augenblick später klopfte es an seiner Tür und ein hagerer Mann trat ein. Er hatte schlohweißes Haar und einen Schnauzbart. Die Farbe seiner Haare stand im kompletten Gegensatz zu seinem gebräunten Gesicht. In seiner Hand hielt er einen schlichten weißen Briefumschlag. “Guten Morgen, Herr Doktor. Was führt die Konkurrenz in mein Büro?”, scherzte Fraus 

“Guten Morgen, Herr Fraus. Ich störe Sie nur ungern. Der Grund meines Besuchs duldete jedoch keinen Aufschub. Ich werde Sie auch nicht lange belästigen, aber ich denke, dass Sie daran Interesse haben” Tampling gab Fraus das Kuvert. “Was ist das?”, fragte Fraus skeptisch. “Sie sollten es selbst lesen”, gab Dr. Arthur Tampling zurück.