Frischfleisch

Pepe wischte sich den Schweiß von der Stirn, legte den Kopf in den Nacken und starrte zur Decke. Der altersschwache Ventilator, der dort oben seine Runde drehte, hatte keine Chance gegen die abendliche Hitze von Mexiko-City. Dem anderen Mann, der ihm am Tisch in der kleinen Wohnung gegenüber saß, ging es nicht besser. Die dunklen Flecken, die unter seinen Achseln ihren Ursprung hatten, hatten sich weit auf dem speckigen Unterhemd ausgebreitet.

Fliegen schwirrten durch das weit geöffnete Fenster, noch hatte die einsetzende Dunkelheit keine Abkühlung gebracht.
«Mir ist so heiß!» Pepe stöhnte.
«Erzähl mir was Neues. Es ist ja nicht so, als sei mir nicht heiß.» Miguel fuhr sich durch die fettigen Haare.
«Ich hab Hunger.» «Du nervst. Wenn du so Hunger hast, hättest du auch mit Eduardo mitgehen können. Dann hättest du jetzt schon dein Essen und ich meine Ruhe.» Miguel erhob sich, nahm eines der schmuddeligen Gläser vom Tisch und ging hinüber zu der schmalen Küchenzeile. Er räumte das Geschirr zur Seite und füllte das Glas mit Leitungswasser.

Es klopfte an der Tür. Pepe zuckte zusammen und griff sich eine Pistole, die auf dem Tisch lag.
«Was soll das? Leg die Waffe weg, du Idiot!» Miguel stellte das halbleere Glas ab und lief zur Tür. «Das wird Eduardo sein, mit dem Essen. Oder glaubst du wirklich, dass ein Killerkommando anklopfen würde?» Er öffnete die Tür. Der Luftzug trug den Geruch von Burgern herein.
«Endlich!» Pepe legte die Waffe beiseite und begann, den Tisch abzuräumen. Eduardo betrat mit drei Tüten bepackt die Wohnung.
«Der Lieferservice ist da. Das ist meins.» Er stellte eine Tüte auf den Tisch. «Das ist deines, Miguel. Und die letzte Tüte ist für unseren kleinen Pepino.»
«Hör auf mich so zu nennen.» Pepe riss Eduardo die letzte Tüte aus der Hand und schaute hinein.
«Was soll der Scheiß? Das ist nicht das, was ich wollte.» Pepe zog eine Tüte aus der Tüte. Ein Clown, auf dessen Hand ein Regenbogen tanzte, lächelte die Männer freundlich an.
«Ich dachte, du würdest dich freuen.» Eduardo lachte. «Das ist eine Juniortüte, für unseren Junior. Es ist sogar ein Spielzeug für dich drin.» Miguel fiel in das Lachen mit ein und klopfte Eduardo bestätigend auf den Rücken. Pepe förderte das Spielzeug hervor. Es war ein kleiner, rot und blau gefärbter chinesischer Drache. Er schleuderte ihn Eduardo entgegen, dieser wich aus und das Spielzeug knallte an die Wand.
«Reg dich ab, Kleiner oder verstehst du keinen Spaß?» «Genau, mach mal halblang, sonst gibt es was.» Miguel setzte sich und begann zu essen. Pepes grimmiger Gesichtsausdruck trug offen zur Schau, dass er keinen Spaß verstand. Aber was sollte er tun? Miguel und Eduardo standen ein ganzes Stück über ihm in der Hierarchie der MX Locos. Wenn er nur eine Chance bekommen würde, sich zu beweisen. Er würde den beiden schon zeigen, aus was für einem Holz er geschnitzt war. Missmutig biss er in den Burger, der nur halb so groß war wie die der anderen.

Miguel leckte sich gerade die letzten Soßenreste von den Fingern, als das Telefon an der Wand klingelte. Eduardo erhob sich schwerfällig. Dort, wo gerade noch seine Arme auf dem Tisch gelegen hatten, glänzten Schweißränder auf dem dunklen Holz.
«Ja? Okay? Wir kommen.» Eduardo hängte den Hörer ein.
«Das war Juan. El jefe will uns sehen.»
«Um was geht es?» Pepes Augen leuchten.
«Hat er nicht gesagt, aber wir sollen unsere Kanonen mitbringen, und Pepe.» Miguel hob den Drachen auf und warf ihn Pepe zu.
«Vergiss dein Spielzeug nicht. Immerhin war es ein Geschenk.» Pepe fing den Drachen und steckte ihn unter dem Gelächter der beiden ein. Dann stand er auf, nahm die Pistole und steckte sie in den Hosenbund.
Gemächlich schlenderten die drei durch die Dunkelheit ihres Viertels. Pepe zog die Luft ein. Es roch nach Sommer und Benzin. Hier war er geboren, aufgewachsen und nun als Mitglied der MX Locos zum Mann geworden. Irgendwo aus der Ferne erklang Musik. Die Stadt schlief niemals. Irgendjemand hatte immer etwas zu erledigen, irgendjemand war immer auf der Jagd.
Es war nicht weit bis zu ihrem Ziel. El jefe regierte sein Viertel mit eiserner Hand. Er, und nur er, hatte hier das Sagen und das zeigte er auch. Vor der Villa des Bandenführers standen zwei Männer mit Sturmgewehren und rauchten. Eduardo hob die Hand zum Gruß und einer der beiden winkte sie durch.
Pepe war erst ein paar Mal auf dem Gelände der Villa gewesen. Immer am Tag und niemals im Gebäude, die Audienzen bei El jefe waren dem engsten Kreis vorbehalten. Eduardo steuerte mit festem Schritt auf die breite Treppe zu, die hinauf zur Pforte führte. Weit kamen sie jedoch nicht, die Tür wurde von innen aufgestoßen und Juan trat vom Licht in die Dunkelheit. Er kam die Eingangstreppen herunter und nahm die Drei zur Seite.
«Gut, das ihr da seid. Kommt mit, dass was ich euch zu sagen habe, müssen nicht alle hören.» Er führte sie seitlich an dem Haus vorbei in einen Hof, der rechts und links von Käfigen aus Maschendraht gesäumt war. Pepe schaute sich verstohlen um. Hielt El jefe hier nicht seine Hunde? Wieso war es so verdammt still? Er kniff die Augen zusammen und spähte in die Dunkelheit. Er war sich sicher, dass sich etwas in den Käfigen bewegte, aber für Hunde waren diese Viecher da drin viel zu leise. Ihm schauderte es. Seine Hand wanderte zum kalten Stahl in seinem Hosenbund. Er atmete tief durch. Die anderen scheinten nichts zu bemerken. Sie folgten Juan, der die Tür eines kleinen Schuppens öffnete und einen nach dem anderen herein lies. Juan schloss die Tür hinter ihnen. Das Dach des Schuppens war so niedrig, dass Miguel den Kopf einziehen musste. An der Decke baumelte eine Funzel, die es kaum schaffte, die Dunkelheit zu vertreiben. «Hier rüber.» Juan deutete auf einen Tisch. Auf den zweiten Blick erkannte Pepe, dass dort etwas unter einer groben Wolldecke verborgen lag.
«El jefe ist außer sich vor Wut. Er will Rache.» Juan zog die Decke beiseite und gab den Blick auf einen Hundekadaver frei. Während Eduardo scharf die Luft einsog, verstand Pepe nicht, was das Ganze sollte.
«Das ist doch nur ein Hund,» entfuhr es ihm. Miguel verpasste Pepe einen Schlag mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.
«Sei still, du Idiot. Wenn El jefe dich hört, war‘s das.» «Du solltest auf Miguel hören Junge. Das ist nicht irgendein Hund. Das ist, naja das war Pablo.» Juan zögerte, bevor er weitersprach. «Pablo war El jefes Liebling. Ein reinrassiger Dobermann, mehrfach prämiert. Extra für ihn aus Deutschland importiert. Sein Bruder hat ihm ihn geschenkt, kurz bevor er erschossen wurde. Das Leben des Tieres ist mehr wert als eure drei Leben zusammen, verstanden?» Pepe blickte verlegen zu Boden. Er war noch keine fünf Minuten hier und hatte sich schon blamiert.
«Wer hat Pablo getötet?», fragte Eduardo und beugte sich über den Kadaver.
«Die Frage ist, was ihn getötet hat. Er wurde von einem anderen Hund totgebissen.» Juan nahm den Kopf des Tieres in beide Hände, drehte ihn sanft zur Seite und offenbarte die gesamte Brutalität, mit der Pablo zu Tode gekommen war. Der Hals des Hundes war bis zur Wirbelsäule aufgerissen, sein Kehlkopf war herausgerissen worden. Miguel wendete den Blick ab, Pepe bekreuzigte sich.
«Wie konnte das passieren?» «Ich war nicht dabei.» Juan ließ Pablos Kopf los und wischte sich die Hände an seiner Hose ab. «Pablo ist der einzige Hund, der auf dem Grundstück frei herum läuft.»
«Er wurde hier auf dem Grundstück angegriffen?» Eduardo legte die Stirn in Falten. «So sieht es aus. Es ist ne knappe Stunde her, Gonzo hat seine Runde gemacht und den Hund jaulen gehört. Als er dazu kam, war Pablo schon tot und der andere Hund über ihm. Gonzo hat auf das Vieh geschossen und es wohl auch getroffen.» Juan machte eine abschätzende Handbewegung.
«Kommt mit, ich zeige euch wo. Es ist gleich hier vorne passiert.» Nun war Pepe klar, warum die Hunde in den Zwingern so leise waren. Sie hatten Angst vor dem, was hier gerade passiert war. Angst vor einer Bestie, die einem ausgewachsenen Dobermann den Hals aufgerissen hatte.

Juan knipste eine Taschenlampe an und leuchtete den Boden ab. «Hier war es.» Der Lichtkegel wanderte über den Beton. Hier und da waren ein paar dunkle Flecken zu erkennen. «Das ist alles?» Miguel ging in die Knie.
«Ich weiß auch nicht, warum es so wenig ist. Hier drüben geht es weiter. Seht ihr das?» Juan machte ein paar Schritte nach vorne.
«Gonzo muss es wirklich erwischt haben.» Dicht beieinander folgten die vier Männer der dünnen Spur aus winzigen Tropfen.
«Hier endet die Spur.» Juan deutete auf den letzten kleinen Tropfen geronnen Blutes auf dem Boden. Nur ein paar Zentimeter entfernt wuchs eine weißverputzte Mauer in die Höhe. «Die Mauer ist knapp drei Meter hoch,» stellte Miguel überrascht fest. Er griff sich Juans Taschenlampe und leuchtete die Mauer von oben bis unten ab. «Du wirst kein Blut finden, ich habe schon geschaut.»
«Du willst uns also weismachen, dass dieser Hund über die Mauer gesprungen ist?» «Ich glaube es selbst nicht so richtig.» Juan hob abwehrend die Hände. «Ich kann euch auch nur das sagen, was Gonzo gesehen haben will. Aber ich kann euch ganz genau sagen, was El jefe will. Er will das Ding tot sehen. Und wenn es einen Besitzer hat den auch und wenn dieser Typ ne Familie hat, macht sie einfach alle fertig.»
Eduardo kratzte sich am Kinn. «Wird gemacht. Wenn das Ding wirklich verwundet ist, kann es ja nicht so schwer sein, es zu finden.»

Auf der anderen Seite der Mauer war nichts außer verbranntem Gras und trockener Erde. Juan hatte jedem der drei eine Taschenlampe gegeben und so wanderten die Lichtkegel durch die Nacht, auf der Suche nach Spuren.
«Hast du schon was gefunden, Pepe?» Eduardo stapfte durch hüfthohes Gras. «Nein, hier ist nichts außer Sand und Müll.»
«Zu was bist du überhaupt zu gebrauchen?» «Und was hast du schon Tolles entdeckt?»
«Ganz schöne Klappe für so ein Würstchen. Wenn du ein Hund wärst, Miguel, in welche Richtung würdest du dich vom Acker machen?» Miguel, der gerade in der Hocke den Boden abgeleuchtet hatte, richtete sich zur vollen Größe auf und blickte sich um.
«Meiner Meinung nach gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder er ist nach Norden in Richtung der alten Fabrik, oder nach Osten zu den Hütten, je nachdem, ob der Hund einen Besitzer hat oder nicht.»
«Ich hab was!» Pepe leuchtete den Boden ab, dann richtete er den Lichtstrahl auf Eduardo. «Nicht ins Gesicht, du Trottel! Was hast du?» «Ich denke, es ist Blut und ein Abdruck von `ner Pfote.»
«Gute Arbeit.» Miguel verwuschelte Pepes schwarze Haare. «Also ist das Vieh zur Fabrik abgehauen. Dann mal los. Waffen prüfen und bereit halten, wir gehen auf die Jagd.» Pepe griff sich seine Pistole und zog geräuschvoll den Schlitten zurück. «Ich bin bereit!»
Die ersten Meter folgten sie der immer dünner werdenden Blutspur, dann ging das Gestrüpp in einen sandigen Boden ohne Vegetation über - tiefe Pfotenabdrücke wurden sichtbar. «Das Vieh hatte ein ordentliches Tempo drauf. Schaut mal, wie weit die Dinger auseinander sind. Das Teil muss riesig sein.» Miguel machte einen großen Schritt, schaffte es aber nicht, die gesamte Distanz zwischen den Abdrücken zu überbrücken. «Je größer es ist, desto leichter können wir es treffen. Oder hast du Angst?» «Angst? Vor einem Hund? Niemals.»
«Aber vielleicht ist es ja kein Hund.» Miguel drehte sich zu Pepe um. Die Taschenlampe warf einen verzerrten Schatten auf sein Gesicht. «Weißt du Pepe, man munkelt, dass die Fabrik deshalb schließen musste, weil sie auf verfluchtem Boden steht. Angeblich wurden die Fabrikarbeiter von einem Monster getötet.» Eduardo schrie, Pepe zuckte zusammen, Miguel lachte. «Ihr Ärsche!» Pepe stampfte mit dem Fuß auf. «Ihr habt mich zu Tode erschreckt!» «Das war der Plan Pepino, das war der Plan.» Miguel wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

Kurz vor dem verbarrikadierten Fabriktor knickten die Spuren ab und führten in einem Bogen um das Gelände herum.
«Hier ist es langsamer geworden», stellte Eduardo fest.
«Entweder es hat schlapp gemacht oder es ist zu Hause angekommen. Egal was es ist, es ist gut für uns.» Nach wenigen Schritten endeten die Spuren endgültig an einem Loch im Maschendrahtzaun.
«Ab jetzt keinen Mucks mehr. Schießt auf Sicht. Wir bleiben zusammen. Verstanden?» Miguel und Pepe nickten. Eduardo bog den ausgefransten Maschendraht nach oben und blickte Pepe auffordernd an.
«Los. Rein mit dir, du wolltest doch ein großer Junge sein. Oder hast du Schiss?» «Nein!» Pepe zog seine Waffe und zwängte sich durch das Loch. Er musste die Taschenlampe ablegen und sich auf dem Boden abstützen. Der Teer war noch immer warm. Steine stachen ihm in die Handflächen. Pepe griff sich seine Taschenlampe und richtete sich auf. Er ging einen Schritt nach vorne, lauschte in die Dunkelheit und leuchtete die Fabrikwand vor ihm ab.

Der ehemals weiße Putz hatte über die Jahre eine dunkle Patina angesetzt, an den Kanten war er teilweise abgeplatzt. Sämtliche Scheiben waren eingeworfen und das untere Drittel war mehr als einmal in allen Farben des Regenbogens angesprüht worden. Der Lichtkegel fiel durch eines der Fenster und wurde nur wenige Meter danach von der Dunkelheit verschlungen.
Es stand nicht mehr viel von der alten Fabrik. Der letzte Sturm hatte den Großteil des Dachs der Haupthalle abgerissen und eine der Wände stark beschädigt. Einzig das alte Verwaltungsgebäude hatte die Jahre der Verwahrlosung einigermaßen gut überstanden. Hinter sich konnte er hören, wie sich der um einiges größere Miguel leise fluchend durch das Loch im Zaun zwängte.

«Wo sollen wir mit dem Suchen anfangen? Das Gelände ist riesig, das Ding kann sich überall verstecken.» Miguel ließ den Lichtkegel über Wand und Boden tanzen. «Wenn es überhaupt hier ist.»
«Wollt ihr beiden Trottel nach Hause und El jefe erklären, warum das Ding noch lebt?» Eduardo machte eine kurze Pause, sein Blick wanderte von Pepe zu Miguel und wieder zurück. «Dachte ich mir. Also los. Wir fangen mit dem Erdgeschoss an, danach geht’s ein Stockwerk tiefer, wenn sich Ungeziefer irgendwo versteckt, dann im Keller.»

Konzentriert und mit festen Schritten machten die drei sich auf die Suche. Pepes Hand hielt den Griff der Pistole fest umschlungen, die Mündung folgte dem Lichtkegel. Er machte keinen Laut, auf jede Bewegung bedacht. Der weitläufige Parkplatz ging schnell in ein Trümmerfeld aus alten Containern und zerstörten Maschinenteilen über. Gras und Sträucher hatten Teile der versiegelten Fläche zurückerobert und wiegten sich sanft im Wind. Die Männer leuchteten in jede Tonne und in jedes Loch, das sie finden konnten, aber von ihrer Beute war keine Spur mehr zu finden.
«Hier ist nichts!» In Miguels Stimme schwangen sowohl Erleichterung als auch Enttäuschung mit. Er ließ den Deckel des Containers zufallen. Der Knall hallte durch die Dunkelheit und Pepe zuckte erschrocken zusammen.
«Was soll der Scheiß? Willst du vielleicht noch Feuerwerk zünden?»
«Halts Maul, Pepino! Oder glaubst du, das Vieh ist schlau genug zu checken, dass wir es suchen?»
«Pepe hat Recht! Hör auf so einen verdammten Lärm zu machen.» Eduardo leuchtete Miguel direkt ins Gesicht «Kein Stress, hier ist es eh nicht.» Miguel hob die Hand vor die Augen und drehte den Kopf zur Seite.
«Wir gehen jetzt in die Halle und wenn wir da nichts finden, suchen wir im Verwaltungsgebäude weiter.» Eduardo trieb die anderen beiden mit einer Armbewegung vorwärts.

Die Fabrikhalle war über die Zeit fast vollständig entkernt worden, alles was irgendeinen Wert hatte, war gestohlen worden. In den Wartungsschächten und Führungsschienen stand der Schmutz, Dachfragmente lagen überall auf dem Boden verstreut. Bei jedem Schritt knirschte Glas und Dreck unter Pepes Schuhen. Emsig schnitten die Lichtkegel durch die Dunkelheit. Bizarre Schatten entpuppten sich als Müllberge, mögliche Verstecke als verdreckte Löcher. Auf einer Linie, nur ein paar Meter von einander entfernt, rückten die drei Männer vor. Egal was sie aufscheuchen würden, es hätte keine Chance zu entkommen. Mit jedem Schritt wurden Pepes Hände schwitziger, seine Finger lösten und schlossen sich in Wellen um den Griff der Pistole. Sein Atem ging flacher. Irgendwo musste dieses Vieh doch sein. Er spähte zu Eduardo und Miguel hinüber. Leider waren sie zu weit weg, als dass er etwas erkennen konnte. Ob sie auch Angst hatten? Nun hatte er sich das eingestanden, was er seit dem Blick auf den Kadaver verdrängt hatte. Er hatte Angst. Wenn das Viech Pablo töten konnte, dann würde es auch vor ihm nicht halt machen. Wenn es denn hier war, sicher war es nicht hier. Warum sollte es hier sein?

Das Ende der Halle kam in Sicht und das Licht der Taschenlampe fiel auf ein Tor, dessen eine Hälfte schräg in der unteren Angel hing, die zweite Hälfte fehlte. Pepe trat durch die Öffnung und obwohl er immer noch unter demselben Himmel stand, fühlte er sich frei.
«Ist euch was aufgefallen?», fragte Eduardo, der als letzter wieder nach draußen kam.
«Nein.» «Mir auch nicht.» «Hätte mich auch gewundert. Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit, wo sich das Ding verstecken kann.» Eduardo deutete in Richtung des Verwaltungsgebäudes.
Schwarz, still und abweisend stand es da. Pepe atmete tief ein. Die Luft war immer noch unangenehm schwül, obwohl die Temperatur schon ein ganzes Stück gefallen war. Er fühlte sich dreckig und müde. Er dachte an den altersschwachen Ventilator zurück und wie viel lieber er jetzt einfach vor sich hinschwitzen würde.
«Los!» Eduardo stieß ihn an der Schulter an. «Oder willst du hier übernachten?» Wortlos setzte sich Pepe in Bewegung. Das Verwaltungsgebäude hatte zwar der Zerstörung weit stärker getrotzt als die Fabrikhalle, aber auch an ihm war die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen. Die eingeschlagenen Scheiben waren notdürftig vernagelt worden. Die Eingangstür war mit einem rostigen Vorhängeschloss gesichert. «Wir steigen durch eines der Fenster ein», sagte Eduardo, nachdem er sich das Schloss näher angeschaut hatte. «Das kriegen wir nicht ohne Lärm auf.»

An der Rückseite des Gebäudes wurden sie fündig. Regen und Wind der letzten Jahre hatten eine der Sperrholzplatten morsch werden lassen. Miguel griff eine der Kanten und zog daran. Ein leises Knacken verriet, dass das Holz um die Schrauben herum brach. Mit einem weiteren Ruck hatte er die Platte in der Hand. Er stellte sie auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. Seine Hände bildeten einen Tritt. Eduardo drückte sich ab und zog sich am Fensterbrett nach oben. Pepe tat es ihm gleich.
«Du hältst mir den Rücken frei, während ich Miguel helfe.» «Du kannst dich auf mich verlassen.» Pepe zog die Pistole und leuchtete mit der Taschenlampe den Raum ab. Er war klein und leer, mit zwei Fenstern und den Resten einer Tür, die niemanden mehr aufhalten würde. Pepe lief quer durch den Raum und spähte heraus. Vor ihm lag ein großer, freier Bereich, sicher einst das Foyer des Gebäudes. Er ließ den Lichtkegel durch das Foyer wandern, auch hier war alles Brauchbare geplündert worden. Spuren auf dem Boden verrieten, wo einst Tische und Blumenkübel standen. Sprünge in den Fliesen verrieten, dass diese mit Gewalt entfernt worden waren. Hinter sich konnte er hören, wie Miguel einen festen Stand fand.
«Hast du irgendwas entdeckt?» «Nein. Hier ist alles ruhig. In dem Stockwerk ist nicht viel außer ein paar Büros.» «Okay, gute Arbeit. Wir suchen die Büros ab und dann den Keller. Also los.» Eduardo lief voraus und in kürzester Zeit war das Stockwerk erfolglos durchsucht. Die drei Männer sammelten sich vor einer angerosteten Feuerschutztür. Der Türholm war verbogen und die Tür einen spaltbreit offen. «Wenn das kein gutes Versteck ist.» Eduardo leuchtete durch den Spalt, dann griff er nach der Klinke und zog daran, nichts geschah.
«Die ist fest, also Bauch einziehen, Jungs.» Eduardo quetschte sich durch den Spalt. Pepe ließ sich nicht lange bitten und stand kurze Zeit später neben Eduardo auf einem Treppenabsatz.

Die Luft war feucht und muffig. Der Sommer hatte diesen Teil der Welt nicht erreicht. Pepe steckte die Taschenlampe in den Gürtel, griff nach dem Handlauf und bewegte sich vorsichtig die Treppe hinunter. «Was zur Hölle stinkt hier so?» Pepe rümpfte die Nase. «Das ist widerlich.»
«Stell dich nicht so an. Ich sag dir, das ist der richtige Weg. Das ist die Scheiße von dem Vieh. Bald haben wir es. Und jetzt weniger jammern und mehr konzentrieren.»
Die letzten Stufen vertraute Pepe auf sein Gleichgewicht und seine Pistole. Mit beiden Händen umfasste er den kalten Stahl und zielte in das Zwielicht des Ganges vor ihm. Hinter ihm kamen Miguel und Eduardo die Treppe hinunter. Der Lichtkegel ihrer Taschenlampen umfasste Pepe und warf einen langen Schatten in den nun erhellten Gang. Sein Puls beschleunigte sich. Waren das Blutspuren auf dem Boden? Oder war das nur Wasser, das aus den Rohren an der Decke getropft war? Der Gestank nahm zu. Das war keine Scheiße, das roch nicht nach Hund. Das, das war etwas anderes.
«Schalt deine Taschenlampe an», zischte Eduardo hinter ihm. Pepe gehorchte. Seine Hände zitterten leicht. «Los jetzt.» Eduardo nickte mit dem Kopf in Richtung des Ganges. «Und passt verdammt nochmal auf Querschläger auf. Ich will keine Kugel im Bein haben, nur weil ihr hier unten wie Cowboys rumballert.»
«Klar.» Miguel Stimme war kräftig, aber Pepe hatte das Gefühl, dass auch er nicht frei von Angst war. Wie es wohl in Eduardo aussah? Pepe riskierte einen schnellen Blick, aber Eduardos Miene verriet nichts. Keine Angst, keine Zweifel. Pepe atmete tief ein. Reiß dich zusammen. Wir jagen hier nur einen wilden Hund. Kein Monster, die haben dich vorher nur verarscht. Eduardo ging voraus. Wortlos folgten ihm die anderen. Schon nach ein paar Metern zweigte ein kleiner Raum von dem Gang ab. Eduardo hob dem Arm, die Miguel und Pepe stoppten. Er spähte hinein, drehte sich zu ihnen und schüttelte den Kopf, dann setzte er sich wieder in Bewegung. Im Vorbeigehen warf Pepe einen Blick in den Raum. Leere Dosen und Zeitungspapier säumten eine verschmutzte, fleckige Wolldecke. Pepe schluckte, doch er hatte keine Zeit, länger über das Gesehene nachzudenken. Eingeklemmt zwischen Eduardo und Miguel wurde er an dem Raum vorbeigetrieben. Ein paar Meter schräg gegenüber war ein zweiter Raum, nicht mehr als eine Besenkammer, der die Tür fehlte. Auch sie war leer.
Der Gang führte um eine Ecke und auf eine Tür zu. Ein gelbes Warnschild war auf ihr angebracht, darunter stand das Wort «Heizungsraum». Das Lüftungsgitter im unteren Teil war herausgebrochen. Eduardo legte den Zeigefinger auf die Lippen und schlich zur Tür. Er legte das Ohr auf das rostige Metall und lauschte. Pepes Blick fixierte ihn. Er versuchte die versteinerten Gesichtszüge zu deuten. Eduardo wandte sich den beiden zu und nickte leicht. Miguel trat einen Schritt nach vorne und hob die Pistole. Eduardo ging einen Schritt zurück und nahm Anlauf. Pepe verstand erst jetzt, was er vor hatte. Schnell nahm er den Platz neben Miguel ein und zielte auf die Tür. Eduardo hob sein Bein, dann hallte ein Knall durch den engen Gang. Die Tür wurde aus den Angeln gerissen und in den Raum geschleudert. Das Licht der Taschenlampen flutete den Raum und fiel auf einen Schemen, der sich aus dem Grau der Wand schälte. Das war kein Hund. Scheiße, das war kein Hund. Pepe erstarrte. Die Augen des Viehs leuchteten rot im Schein der Lampen. Anstatt Fell hatte die Kreatur eine ledrige Haut. Es fauchte und fletschte die Zähne. Dann fiel der erste Schuss. Miguel zog den Abzug durch. Mit einer Beweglichkeit, die keine Kreatur von Gottes Schöpfung besitzen durfte, sprang es aus dem Raum auf Eduardo zu. Die krallenbewehrten Tatzen bohrten sich in seine Brust und schleuderten ihn blutend zu Boden. Sein Kopf schlug hart auf dem Boden auf, ein Schuss löste sich, Miguel sackte zusammen. Pepe drückte ab. Einmal, zweimal dreimal. Dann nichts mehr, die Waffe klemmte. Egal wie fest er den Abzug drückte, die Pistole wollte nicht mehr feuern. Die Bestie setzte sich über Eduardo hinweg. Miguel hustete Blut. Ein grauenvolles Fauchen erfüllte den Gang. Ein Kamm aus Stacheln hob sich vom Rücken der Kreatur ab und stellte sich auf, dann biss sie zu. Mit einem einzigen Biss riss sie Miguels Kehlkopf heraus. Pepe schrie. Er schleuderte die Waffe in Richtung der Kreatur und rannte los. Bloß weg von hier und diesem Ding das sich fauchend und schmatzend über Miguel gebeugt hatte. Der Gang war so verdammt lang, die Treppe so verdammt ausgetreten und der Türspalt so verdammt schmal. Pepe konnte hinter sich das Schlagen von Tatzen auf Beton hören. Es wurde lauter, das Ding schoss mit einem Satz die Treppe nach oben. Pepe quetschte sich gerade durch den Türspalt. Er hatte es geschafft, aber was brachte es? Er war niemals schneller als das Monster. Er musste diese Tür zu bekommen. Pepe warf sich mit aller Kraft gegen sie. Hatte sie sich bewegt? Ein bisschen. Hoffnung keimte in ihm auf. Er warf sich ein zweites Mal mit der Schulter gegen die Tür. Der Spalt war fast verschlossen. Der Kopf der Bestie schoss durch die Öffnung und schnappte nach Pepes Bein. Die Zähne bohrten sich tief in das weiche Fleisch. Pepe schrie, er versuchte sich loszureißen, verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Die Taschenlampe glitt ihm aus den Händen und rollte davon. Er wollte nach dem Monster treten, traf aber nur die Tür. Wenn er doch nur seine Waffe noch hätte! Er drehte sich zur Seite und etwas bohrte sich in seinen Schenkel. Er griff danach. Dieser bescheuerte Drache. Mit aller Kraft schleuderte er den Klumpen Plastik in das Gesicht des Monsters. Für nur einen Augenblick ließ es von seiner Wade ab. Pepe trat so fest zu, wie er konnte. Traf es satt an der Schnauze und trieb es ein Stück zurück. Ein zweiter Tritt und die Tür war zu. Pepe raffte sich auf. Blut quoll aus Wunde, die die Zähne gerissen hatten. Er griff nach der Taschenlampe und humpelte so schnell er konnte davon, getrieben von den markerschütterten Lauten des Monsters, das hinter der Feuerschutztür tobtet. Er verließ das Gebäude, kämpfte sich blutend über den verwüsteten Hof. Hielt erst innen, als der durch das Loch im Zaun war. Dann erbrach er den Inhalt der Juniortüte.