Rosenrot

Lisa war nackt. Der Raum war klein, fensterlos und komplett gefliest. Ihre Hände lagen in Ketten, die mit Haken an den Wänden befestigt waren. Wo war sie? Und wie war sie hierhergekommen? So sehr sie sich auch den schmerzenden Kopf zerbrach, sie hatte keine Erinnerung an die letzten Stunden. Unentwegt rutschte sie auf dem Boden hin und her, auf der Suche nach einer Position, in der ihr die kalten Fliesen möglichst wenig Körperwärme stehlen konnten. Ein paar Momente konnte sie auf ihren Knien und Händen verbringen, um ihre ausgekühlten Schenkel zu entlasten. 

 

Wie spät war es? Wann war sie aufgewacht? Wie lange hatte sie geschrien? Hatte sie danach wirklich das Bewusstsein verloren oder hatte sie sich das nur eingebildet? Lisa schloss die Augen. Unnachgiebig stanzen sich die Kanten der Fliesen in ihr warmes Fleisch. Sie setzte sich auf, zog die Knie an den Körper und umschloss sie mit ihren Armen. Jede ihrer Bewegungen wurde von dem Klirren der Ketten begleitet. Rote Striemen hatten sich auf ihren Knien gebildet. Heiße Tränen liefen über ihre Wangen. 

 

Lisa versuchte zu verstehen, was passiert war. Versuchte, die Fragmente ihrer Erinnerung chronologisch zu ordnen. Wann war sie wo? Welche war die Letzte? Sie hatte sich heute verabredet. Lisa rieb sich die Augen mit ihren Handballen. Die Ketten schlugen auf die Fliesen, der Lärm bohrte sich in ihren Kopf. Das Erinnerungsbild, das sich Lisa so mühevoll aufgebaut hatte, verschwand in der Dunkelheit. Nein! Das konnte nicht sein. Sie sprang an den Start ihrer Überlegungen zurück. Sie war unterwegs gewesen, mit ihren Freundinnen, genau. Becky und Laura waren dabei. Laura hatte etwas zu feiern gehabt, oder war es Becky? Irgendetwas mit der Arbeit. Da war sich Lisa sicher. Scheiße, das brachte sie nicht weiter. Nichts in ihrem Kopf brachte sie irgendwie weiter. Sie hatte keine Erinnerung, keine Erklärung und keine Ahnung. Alles was Lisa hatte, war Todesangst. Sie hatte genug Bücher gelesen und Filme gesehen, um zu wissen, dass ihr der Tod näher war als das Leben. Hoffentlich ging es schnell. Nein, so durfte sie nicht denken. Aufgeben war keine Option. Sie hatte sich schon immer durchs Leben geboxt, immerhin war sie mit drei älteren Brüdern aufgewachsen. Wenn es auch nur eine kleine Chance gab, aus diesem Raum zu entkommen, sie würde sie nutzen. 

 

Lisa betrachtet die Schellen, die um ihre Handgelenke geschlungen warnen. Sie waren alt und archaisch, zwei miteinander verschraubte Halbkreise. Lisa umschlang die Schelle mit der einen Hand, verschlankte die andere und begann zu ziehen. Die Kanten bohrten sich in ihre Haut. So hatte das keinen Sinn. Auch die andere Hand passte nicht durch die Schelle, egal wie sehr sie auch die Zähne aufeinander biss. Erschöpft ließ sie sich zurückfallen, sie hatte solchen Durst und ihre Augen verschwendeten ihre Wasserreserven für nutzlose Tränen. 

Egal, wer sie hier gefangen hielt, er hätte sie schon längst töten können. Lisa war sich sicher, man würde sie sicher nicht verdursten lassen. Es war ein schwacher Trost. 

 

Ein Knall ließ sie zusammenzucken. Irgendjemand machte sich an der Tür zu schaffen. Reflexartig zog sich Lisa soweit in die Ecke zurück, wie die Ketten es zuließen. Sie bereute es sofort, hier waren die Fliesen eiskalt. 

Die schwere Metalltür kratze über den Boden und machte Platz für ihren Kerkermeister. Schnaufend, mit schweren Schritten trat ein hünenhaftes Unding in den kleinen Raum. Grobschlächtig und unförmig war es eher Monster als Mensch. Lisa schrie.

 

«Schrei bitte nicht, meine kleine Rosenrot. Wenn du schreist, muss ich dich bestrafen. Ich will dich nicht bestrafen. Bitte schrei nicht.» Der Unhold legte einen seiner fetten Finger an die Lippen und brachte Lisa zum Schweigen. 

«Hast du Durst?» Lisa nickte heftig. «Hier ist Wasser.» Erst jetzt fiel Lisa die verbeulte Schüssel in der anderen Hand des Hünen auf. 

 

«Ich will nicht, dass du Durst hast.» Er machte einen Schritt auf Lisa zu. Lisa presste sich noch dichter an die kalte Wand. Mit einem blechernen Scheppern stellte der Hüne die Schüssel auf dem Boden ab. Wasser schwappte heraus und benetzte den Boden. 

 

Lisa war so durstig, traute sich aber nicht an die Schüssel heran, solange das Ding noch breitbeinig über ihr stand. 

«Hab keine Angst, ich tue dir nichts. Ich bin dein Freund. Ich bin dein Verlobter. Morgen werden wir heiraten. Und dann werden wir glücklich und ich werde dich lieben.» Der Hüne lächelte in dümmlicher Glückseligkeit und entblößte eine Reihe von Zahnlücken und gelben Stümpfen. Was hatte sie gerade gehört? Verlobter? Dieses Monster wollte sie heiraten? Lisa musste würgen. Die Tatsache, dass sie mit diesem Ding in einem Raum war, war die Hölle. Der Gedanke daran, von ihm berührt oder geschändet zu werden, war einfach nur unerträglich. 

 

«Ruh dich aus, morgen wird ein aufregender Tag.» Der Unhold verließ den Raum und zog die Tür hinter sich zu. In dem Moment, in dem der Riegel ins Schloss fiel, stürzte Lisa nach vorne, griff sich die Schüssel und trank. Das Wasser schmeckte brackig und nach Eisen, aber das war ihr egal. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie die Schüssel geleert. Lisa ließ sie scheppernd zu Boden fallen, das kurze Glücksgefühl über das kühle Nass war verflogen. 

Leere füllte Lisa aus. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Das einzige was sie wusste, war, dass sie lieber sterben wollte, als dieses Unding zu heiraten. Irgendeine Möglichkeit musste es doch geben, um hier herauszukommen. Wenn sie aus diesem Keller raus kam, gab es eine Chance. Eine nackte Frau, die durch die Gegend irrte, zog sicher schnell die Aufmerksamkeit von Menschen auf sich. Vielleicht war sie nicht allzu weit von der Zivilisation entfernt. Von einer Straße oder einer kleinen Siedlung. Sicher würde schon nach ihr gesucht werden. Aber das brachte alles nichts, wenn sie nicht diese verdammten Ketten losbekam. 

 

Erneut versuchte sie ihre Hände durch die Schellen zu zwängen. Ihre Finger waren feucht vom Wasser. Wenn sie nur ein bisschen mehr ziehen könnte. Nein. Es reichte nicht. Sie brauchte mehr. Lisa verfluchte sich dafür, dass sie den gesamten Napf ausgetrunken hatte. Hätte sie doch nur etwas übrig gelassen, nur so viel, dass sie ihre Hände hätte schmieren können. 

Wenn. Lisa griff sich den Napf. Keine Chance, er war vollkommen leer. Aber. Ja. Lisa hielt den Napf mit einer Hand auf dem Boden fest, während sie sich die andere so tief sie konnte in den Rachen schob. Sie würgte. Einmal, zweimal, dann erbrach sie sich in den Napf und auf die Fliesen. Bräunlich und trüb, von Schleim und Blasen durchzogen waberte ihr Erbrochenes in dem Napf hin und her. 

 

Der Geschmack, der Gestank, die Kotze, die in ihrer Nase haftete, alles war weniger widerlich, als der Gedanke von diesem Unding berührt zu werden. Lisa schmierte ihr Handgelenk ein, verschlankte die Hand und zog so fest sie konnte an der Schelle. Wie ein Hobel schabte das Metall die oberste Hautschicht ab. Nur noch ein bisschen, dann hatte sie es geschafft. Mit einem Klirren stürzte die Schelle zu Boden. Lisa entfuhr ein leiser Jubelschrei. Die Hälfte hatte sie, nun durfte sie nicht nachlassen, auch wenn ihr Körper nach einer Pause schrie. Wieder schmierte sie ihr Handgelenk ein und mit einem kräftigen Zug war sie frei. 

 

So leise sie konnte schlich sie zur Tür. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie legte ihr Ohr an das kalte Metall, konnte aber nichts hören außer ihres eigenen Herzschlags. Sie ging in die Knie und spähte durch das Schlüsselloch. Draußen war es dunkel. Mit zitternden Händen griff sie nach der Türklinke. Sie zögerte, horchte in die Stille. War da etwas? Nein, das bildete sie sich nur ein. Lisa drückte das kalte Stück Metall nach unten. Nichts passierte, die Tür war verschlossen. Warum hatte sie auch zu hoffen gewagt? Ihre Freiheit endete nur wenige Schritte von den Ketten entfernt. Ein Hindernis hatte sie überwunden, nur um am nächsten zu scheitern.

 

Lisa schlug die Hände vor ihrem Gesicht zusammen. Was konnte sie tun? Sie würde nur aus diesem Raum herauskommen, wenn er die Tür öffnen würde. Vielleicht konnte sie ihn irgendwie überlisten. Dazu musste sie ihn aber hierherlocken. Ob er in der Nähe war? Was wenn ja? Was wenn nicht? Lisa ging zu ihrem Platz zurück, ihre nackten Füße klatschen auf den Fliesen, im Halbdunkel trat sie in ihr eigenes Erbrochenes und rutschte weg. Sie versuchte sich abzufangen, schaffte es nicht und setzte sich unsanft auf den Boden. Dem Schmerz folgte eine Idee. Vielleicht würde auch dieses Ding auf dem Boden ausrutschen, wenn sie ihn nur komplett einsauen würde. Wenn er stürzen würde, käme sie sicher an ihm vorbei.

Aber egal was sie tun würde, zuerst musste sie ihm vorgaukeln immer noch gefesselt zu sein. Zur Probe schlang sie sich die Ketten um die Handgelenke. Ja, so sollte das funktionieren.

Sie hatte tatsächlich einen Plan. Sollte sie warten? Oder sollte sie versuchen ihn anzulocken? Sicher war es besser die Initiative zu haben, so könnte er sie nicht überraschen. Lisa atmete tief ein, dann schrie sie so laut sie konnte. Als sie stoppte, brannte ihrer Lunge. Sie horchte in die Stille. Waren da Schritte auf dem Gang zu hören? Nein, da war nichts. Lisa schloss die Augen, holte Luft und setzte zu einem weiteren Schrei an, als sie doch Schritte hörte. Er war auf dem Weg zu ihr, sie hatte es geschafft. Sie leerte den Napf vor der Tür aus und verteilte den Inhalt auf dem Boden. In dem Moment, als der Riegel gelöst wurde, ging sie in Position. Ihr Herz raste. Ihr Atem ging flach, es war ihre erste und einzige Chance. Die Tür wurde aufgestoßen und er erschien im Türrahmen.

 

«Was ist los? Warum schreist du?» 

 

Lisa blieb stumm. Der Unhold machte einen Schritt nach vorne, rutschte aus und fiel zu Boden wie ein Sack. Der Aufschlag war dumpf. Lisa sprang auf. Sie würde nicht an ihm vorbeikommen, sein massiger Körper blockierte den Weg. Sie nahm zwei Schritte Anlauf und machte einen Satz. Er wollte sich hochwuchten, entschied sich aber dann um und wollte Lisa festhalten. Beides misslang. Mit einer fließenden Bewegung war sie über ihm und auf der Türschwelle. Der Hüne zappelte wie ein Käfer auf dem Rücken. Mit aller Kraft riss Lisa an der Tür, die Kante traf den am Bodenliegenden an Schulter und Kopf. Er zuckte zurück, die Tür fiel ins Schloss. Mit einer hastigen Bewegung legte Lisa den Riegel vor. Dann sah sie sich um: Der Gang war schmal, die Wände grob gemauert. In einer Richtung endete er an einer Wand, in der anderen Richtung führte eine Treppe aus ausgetretenen Stufen nach oben. Die Freiheit war in Reichweite. 

 

Der Hüne schlug von innen gegen die Tür. «Rosenrot! Rosenrot! Bleib hier! Du bist meine Prinzessin!» War die Tür für sie ein unüberwindbares Hindernis gewesen, bog sie sich drohend unter der Kraft und der Wut des Ungeheuers. 

Lisa stürmte los, griff nach dem Handlauf und wuchtete sich die Treppe hinauf dem Licht entgegen. Die Stufen führten sie in einen Flur. Dunkel, still und schmuddelig lag der Weg vor ihr. Irgendwo mussten ihre Sachen sein, wenn sie ihr Handy finden würde, könnte sie die Polizei verständigen. 

Aber wo sollte sie die Polizei hin lotsen? Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Ein schwacher Lichtschein fiel unter einer der Türen durch. Das musste der Raum sein, aus dem der Hüne gekommen war. Vielleicht könnte sie da etwas finden, das ihr weiterhalf. Könnte es sein, dass ihr Peiniger hier nicht alleine wohnte? Vielleicht waren weitere Personen im Haus. Nein, so sehr sie sich über eine Hose oder Schuhe freuen würde, es war es nicht wert, einem Komplizen in die Hände zu fallen. 

 

Lisa schlich in die entgegengesetzte Richtung, eine der Türen musste doch nach draußen führen. Im Haus stank es furchtbar nach altem Schweiß und Ammoniak. Ein Paar verdreckte Gummistiefel lenkten ihren Blick auf eine schiefe Türe aus Holz. Sie öffnete die Tür und eine kühle Brise legte sich auf ihrer Haut. Lisa bekam Gänsehaut. Sie hatte den Ausgang gefunden. 

 

Die Freiheit entpuppte sich als ein vermüllter Hof, der in der Dunkelheit lag. Lisa stürzte aus der Tür, Dreck und Schotter bohrten sich in ihre Fußsohlen. Irgendwo in der Schwärze schlug ein Hund an. Bitte sei in einem Zwinger, bitte sei in einem Zwinger. Schnell hatte Lisa den Hof überquert, mit einem Satz sprang sie an dem Tor nach oben, mit einem zweiten setzte sie sich darüber hinweg. Sie landete auf allen vieren im Schlamm. 

Das, was da von dem Haus wegführte konnte man kaum eine Straße nennen. Über die Jahre waren zwei tiefe Furchen in den schlammigen Boden gefahren worden. Wohin sollte sie gehen? Außer einem beleuchteten Fenster hinter ihr gab es kein Licht. Lisa krabbelte über den Boden, sie tastete den Untergrund ab. Wie verliefen die Spuren? Weg vom Hof, einen Bogen und dann gerade aus. Lisa stakste los. Sie wollte rennen, aber die Dunkelheit war eine zu große Gefahr. Ein Sturz und sie könnte darauf warten, dass der Hüne sie am Morgen aus dem Matsch auflas und heiratete. 

 

Der Wind rauschte durch die Blätter. Die Äste bogen sich und das Mondlicht fiel auf den Weg. Steine, Matsch und Löcher, der Weg musste selbst bei Tageslicht die Hölle sein, aber nackt und im Dunkeln war es mehr als das.

Wie weit war sie von der Zivilisation entfernt? Nur ein paar Minuten oder Stunden? War das überhaupt noch dieselbe Nacht, in der sie mit Laura und Becky feiern war? Egal. Eines war sicher, solange sie in Bewegung blieb, hatte sie eine Chance diese Nacht zu überleben. Kälte kroch ihre Beine hinauf, ihre Füße waren fast taub. Ein Segen, so spürte sie wenigstens die spitzen Steine nicht mehr. 

Weiter, immer weiter kämpfte sie sich durch die Dunkelheit. Nur weg von diesem Unhold und seinem Königreich. Die Bäume am Wegesrand gingen in graues Gestrüpp über, das Mondlicht flutete den Boden, die Sterne tanzten über den Nachthimmel.

 

Lisa entfuhr ein Jubelschrei und dieses Mal unterdrückte sie ihn nicht. Die ganze Welt sollte wissen, dass sie es geschafft hatte. Vor ihr lag ein Talkessel. Lisas Herz machte einen Sprung. Sie konnte Häuser sehen. Häuser in denen Licht brannte. Der matschige Waldweg wich garstigem Schotter, kurz darauf wich der Schotter dann Beton.

Lisa lief immer schneller. Sie verfiel von einem leichten Trab in einen Sprint. Das Licht der Häuser kam immer näher. Das heiße Blut verdrängte die Kälte. Leben, Mut und Hoffnung kamen zurück. 

Gleich eines der ersten Häuser war beleuchtet. Lisa stürzte über den Hof, atmete kurz durch und klingelte Sturm. Nichts. Es brannte doch Licht, irgendjemand musste doch da sein. Lisa setzte noch einmal an, drückte die Klingel, schlug gegen die Tür und rief nach Hilfe. 

 

Dann endlich öffnete sich die Tür. Die alte Frau, die da im Nachthemd im Türrahmen stand, musste sicher den Schreck ihres Lebens bekommen. Mitten in der Nacht stand eine panische, nackte, vollkommen verdreckte Frau vor ihrer Tür und klingelte Sturm.

 

Die Worte quollen nur so aus Lisa heraus. «Ich brauche Hilfe. Das Haus im Wald. Dieser Mann, er hat mich entführt. Bitte rufen Sie die Polizei.» 

Die Frau legte sich erschrocken die Hand auf den Mund. Dann trat sie einen Schritt zur Seite. «Das ist ja schrecklich. Kommen Sie, das Telefon ist hier drüben.» Mit Trippelschritten machte sich die alte Frau auf den Weg. Lisa schloss die Tür und folgte ihr. 

 

«Die zweite Tür rechts ist das Badezimmer. Sie wollen sich doch bestimmt den Dreck abwaschen. Ich lege Ihnen auch gleich einen Bademantel raus. Aber zuerst rufe ich die Polizei, dieser Irre im Wald darf nicht ungeschoren davonkommen. Wissen Sie, das ganze Dorf hält ihn mindestens für seltsam, wenn nicht gar für gefährlich.»

Lisa schloss die Tür des Badezimmers hinter sich und setzte sich erschöpft auf den Rand der Wanne. Ihre Füße schmerzten von den Stichen und Schnitten, ihre Hände schmerzten von den Fesselmalen. Der Spiegel offenbarte ihr das wahre Ausmaß des Grauens. Die Augen waren aufgequollen, die Haare zu dreckigen Strähnen verklumpt. Sie würde mehr als eine Dusche brauchen, um diese Nacht zu verarbeiten. 

Die Frau klopfte gegen die Tür, Lisa zuckte zusammen. «Die Polizei ist auf dem Weg. Ich habe Ihnen einen Bademantel von meinem Sohn vor die Tür gelegt.»

 

Lisa stieg in die Wanne und begann sich zu waschen. Rote und braune Schlieren tanzten über die Wellen und verschwanden im Abfluss. Auch wenn sie nicht das Gefühl hatte, sauber zu sein, musste es für das Erste reichen. Sie trocknete sich ab und warf sich den Bademantel über. 

 

Kurz darauf bog ein Auto auf den Hof ein. Die Polizei, endlich war es vorbei. Schritte näherten sich, dann wurde die Klingel betätigt. Die alte Frau trippelte in Richtung der Tür, doch Lisa war schneller. Mit einer schwungvollen Bewegung zog sie die Türe auf und starrte in das verformte Gesicht des Unholds. Sie erstarrte. Der Unhold blickte an ihr vorbei, öffnete seinen verzerrten Mund und begann zu sprechen: «Danke, dass du sie eingefangen hast, Mama. Morgen wird Hochzeit gefeiert und das ganze Dorf wird dabei sein.»

 

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