Götterdämmerung

Mein Leben hat einen neuen Höhepunkt, ich komme zu meiner eigenen Hinrichtung zu spät. Doch wie so oft, liegt es nicht in meiner Hand. Den größten Teil meines Lebens habe ich damit verbracht, das zu tun, was mir befohlen wurde und den wenigen eigenen Entscheidungen verdanke ich es, dass ich in dieser Zelle stecke. Sie ist so schmal, dass ich meine Arme nicht komplett ausstrecken muss, um beide Wände zu berühren. Wie die Jahre zuvor verbringe ich die Zeit mit den einzigen drei Tätigkeiten, die ich in dieser Konservendose machen kann. Auf der harten Pritsche liegen, auf dem harten Boden Liegestützen machen und im Kreis laufen. 

 

Woran es liegt, dass ich nicht abgeholt werde, weiß ich nicht und es ist mir auch egal. Sie werden nicht ewig auf sich warten lassen. Es ist nicht so, dass ich die Zeit, die ich länger habe, genieße, ich wäre lieber gestern als heute aus diesem Gefängnis raus, egal was danach auf mich zu kommt. Ich kann es nicht erwarten, nach all den Jahren endlich wieder frei zu sein, auch wenn es nur ein einziger Tag ist. Wie ein Läufer vor dem Start scharre ich mit den Füßen über den stählernen Boden. Aus der Ferne kann ich Schritte hören, die Signallampe über der Tür beginnt zu pulsieren und flutet meine Zelle in kurzen Abständen mit rotem Licht. Nun beginnt es also. Allem was noch kommt, ist ein mir wohlbekannter Drill vorangestellt. Ich gehe zurück zu meiner Pritsche, knie mich auf den Boden und verschränke die Arme hinter dem Rücken. Den Blick stoisch auf das stählerne Schott gerichtet harre ich den Dingen, die da kommen.

 

Zischend fahren die beiden Hälften des Schotts auseinander. Zwei vollkommen in schwarz gekleidete Wachsoldaten treten ein und beziehen neben der Tür Stellung. Mit einer zackigen Bewegung bringen sie ihre Gewehre in Anschlag. Das rote Licht tanzt gespenstisch über das schwarze Leder der Uniformjacke. Die Männer tragen keine Namenschilder und keine Abzeichen. Auch wenn ich ihrem Blick durch die Visiere der Helme nicht folgen kann, weiß ich, dass sie mich anstarren. Ich würde gerne wissen, wie sie es tun. Liegt Wut, Mitleid oder Neid in ihrem Blick oder bin ich ihnen egal? Sind sie von Rache getrieben wegen ihrer toten Kameraden oder bin ich für sie nur eine weitere arme Seele, die den Pfad ohne Wiederkehr beschreitet? Einer der Männer richtet seine Waffe auf meinen Kopf, das Klacken des Sicherungshebels hallt von den Wänden wider. Der andere Soldat wartet kurz, dann hebt er den Arm und winkt mein letztes Geleit herein. 

 

Ein Mann in einem Alter, das ich nie erreichen werde und eine Junge in einem Alter, das ich schon lange hinter mir gelassen habe, betreten den Raum. Der ältere muss ein hohes Tier sein, vielleicht nur zwei oder drei Ränge unter dem Allliebenden Vater. Er hat die Hände in den Taschen eines langen purpurfarbenen Zeremonienmantels verborgen, der mit allerlei silbernen Ornamenten bestickt ist. Der Junge ist in einfache Novizen Kleidung gehüllt und blass vom Scheitel bis zur Sohle. Er trägt einen Stapel sauber gefaltete Kleidung, auf dem ein Paar schwerer Stiefel steht. Der Junge blickt mich aus angsterfüllten Augen an, während sein Meister ihn mit sanfter Gewalt in die Mitte des Raums schiebt. „Nur nicht so ängstlich, er wird dir nichts tun.“ Der Junge ist von den Worten seines Meisters wenig überzeugt, kommt aber nach einer kleinen Pause seiner Pflicht nach und macht ein paar zögerliche Schritte nach vorne. Ohne mich aus den Augen zu lassen, stellt er den Stoß Kleider auf dem Boden ab und entfernt sich, ohne mir den Rücken zu zuwenden. Die irrationale Angst des Jungen amüsiert mich. Wieso sollte ich ihn angreifen? Damit einer der Soldaten die Chance bekommt mir ein Loch in die Stirn zu stanzen? Hätte ich sterben wollen, hätte ich mich schon vor Jahren umgebracht. Würde in mir so eine Mordlust brodeln, wie der Junge vermutet, hätte ich einfach einen Mitgefangenen unter der Dusche abgestochen. Aber ich habe nichts dergleichen getan. Kein Mord, kein Selbstmord. Ich habe darauf gewartet, dass ich hier rauskomme. 

 

Mein letztes Geleit verlässt die Zelle, ohne dass mir der Zeremonienmeister weitere Instruktionen gibt, aber ich weiß auch so, was ich tun muss. Nachdem sich das Schott geräuschvoll geschlossen hat, schaue ich mir den Kleidungsstapel genauer an. Die Stiefel sind nicht mehr die neuesten, aber ohne Löcher. Sie sollten ihren Zweck erfüllen. Auch der Rest, eine olivenfarbene Arbeitshose, eine farblich passende Jacke und ein weißes Hemd, sind verschlissen, aber sauber. Wem auch immer die Kleidung davor gehört hat, die Person war ein gutes Stück größer als ich. Selbst wenn ich die Arme ausstrecke, sind die Ärmel zu lang. Ohne den Gürtel würde die Hose rutschen. Ich ziehe mich an, schlage die Hosenbeine und die Ärmel der Jacke so zurück, dass sie mich nicht behindern und lege meine Sträflingskluft ordentlich gefaltet auf die Pritsche. Sicher wird sie bald einem Anderen vor die Füße geworfen, auch meine Zelle wird wohl nicht lange leer bleiben, aber was kümmert mich das. Ich war mein ganzes Leben ein Gefangener, von dem Tag, an dem ich geboren wurde bis zum heutigen Tag, an dem ich diese Welt für immer verlassen werde. Ich sammele mich für einen kurzen Moment, dann gehe ich wieder in die Knie und rufe nach meinem Geleit. 

 

Die Tür öffnet sich erneut, die Soldaten nehmen ihre Positionen ein. Der Junge ist verschwunden, seine Dienste werden offensichtlich nicht mehr benötigt. Der Zeremonienmeister fordert mich auf, die Hände nach vorne zu strecken. Ich gehorche. Einer der Soldaten legt mir Handschellen an, der andere zielt genau zwischen meine Augen. Dann darf ich endlich aufstehen. Meine erste und letzte Reise beginnt. 

Der Zeremonienmeister schreitet salbungsvoll voran, als ich durch die Zellentür trete, schließen sich die beiden Soldaten an. Rechts und links von ihnen gerahmt folge ich dem Mann vor mir durch die Gänge. Der Weg führt uns durch die Ausläufer des mir nur allzu bekannten Gefängnistrakts. Wir kommen an Dutzenden Schotts vorbei, im Zwielicht kann ich die Nummern auf den Türen nicht entziffern. Aber selbst wenn ich es könnte, es wäre egal. Sollte sich in einer der Zellen ein alter Weggefährte aus den Minen befinden, es ist zu lange her, als dass ich ihn noch kennen würde.

 

Der Boden geht von Stahl in Beton über. Der Gang verengt sich, es gibt keine Abzweigungen oder Türen, nur Kabelstränge, die an der Decke entlanglaufen wie Krampfadern auf einem toten grauen Bein. Ich kenne diese Gänge, die Bunkerstadt ist tausendfach von diesen Wartungstunnel durchzogen. Sie verbinden die großen Industrieanlagen, dienen dem Transport und nun zum unauffälligen Transit. Das Netz aus Wartungstunnel führt uns fast bis zur Torhalle. Wo uns zuerst nur die flackernde Beleuchtung und der Klang von Stiefeln auf Beton begleitet hat, gesellt sich nun der mir vertraute, aber fast vergessene Klang von Zivilisation dazu. Über allem liegt das murmelnde Gewirr von hunderten Stimmen, wir müssen bald am Ziel sein. Die Geräusche werden immer lauter und tragen eine lang vergessene Erregung in mein Herz.

 

Wir halten in einem kleinen, kahlen Vorraum, dessen einziger Ausgang durch einen schweren Vorgang versperrt wird. Die Soldaten gehen in Position. Der Zeremonienmeister nimmt mir die Fesseln ab. Dann verschwindet er durch den Vorhang. Applaus brandet auf, flutet den kleinen Raum und reißt abrupt ab. Für eine Sekunde ist alles still. Dann dröhnt bechernd die Stimme des Allliebenden Vaters aus den Lautsprechern.

 

„Liebe Familie. Wir haben uns heute hier versammelt, um die Verstoßung von XTF 37-48 zu zelebrieren.“ Ich zucke unwillkürlich zusammen, als der Alte mich bei meinem Drohnennamen nennt. Wie lange habe ich ihn schon nicht mehr gehört? Es ist so lange her, dass ich mich selbst nicht daran erinnern kann. Im Gefängnis war ich zwar auch nur eine Nummer, aber eine andere. „Auch wenn es mir das Herz bricht, eines meiner Kinder aus unserer Mitte zu verstoßen, habe ich keine Wahl. Wir alle müssen Buße tun und so ist diese Entscheidung unumgänglich. Wer sich an der Gemeinschaft versündigt, muss diese verlassen. So hört mich an, meine Kinder. Seht das Schicksal von XTF 37-48 als Warnung. Nur die von euch, die auf dem rechten Weg wandeln, können Teil unserer Gemeinschaft bleiben, nur die verdienen den Schutz der unüberwindbaren Mauern unserer Heimat.“ Kein Applaus füllt die Stille, keiner der Anwesenden ist mutig genug für einen Zwischenruf. Leise rasselt der Atem des Allliebenden Vaters, bevor er wieder zu sprechen beginnt. „Nun ist es an der Zeit den Delinquenten in die Arena zu führen.“ Nun brandet Applaus auf. Der Vorhang öffnet sich und einer der Soldaten stößt mir den Lauf seines Gewehrs in den Rücken. Es geht los. Unter Jubel, Schmähungen und Verwünschungen betrete ich den Vorplatz der Torhalle. Der Alliebende Vater steht auf einem improvisierten Podium und streckt die Arme aus, als würde er einen langen vermissten Sohn begrüßen und nicht einen Mann, der schon bald Geschichte ist. Ich weiß nicht genau, was ich tun muss, es ist meine erste Verbannung. Ich stelle mich in gebührendem Abstand neben den Allliebenden Vater und lasse meinen Blick schweifen. Alles was ich sehe, sind große Augen, verzerrte Gesichter und abgehalfterte Gestalten. Der Vorplatz ist bis zum Bersten gefüllt, wenige Glückliche drängen sich an den Fenstern der Wohneinheiten. Selbst in meinen abgewetzten Klamotten bin ich besser angezogen als der Großteil der Zuschauer. Aber niemand, nicht einmal der Zeremonienmeister ist so prunkvoll gekleidet wie der Allliebende Vater. Keiner ist so gut genährt, so glattrasiert und schick frisiert. Nur das beste für den Mann, der seit ich denken kann die Geschicke der Bunkerstadt lenkt. Ihr spiritueller Führer, ihr prägendster Intellektueller.

 

Der Allliebende Vater bietet mir die Möglichkeit für letzte Worte, aber ich verzichte. Was soll ich schon sagen? Hinter mir liegt die Hölle und vor mir der sichere Tod. Mir fällt nichts ein, was der Situation angemessen ist. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Selbst hier, so nah an der richtigen Welt ist die Luft modrig und verbraucht. „So soll es also beginnen.“ Ich öffne die Augen gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Allliebende Vater eine fordernde Handbewegung macht. Ich folge seinem Arm mit meinen Augen und kann den Novizen sehen, der mir in der Zelle die Kleidung brachte. Die Angst in seinen Augen ist zu einer Panik angewachsen. Aber er wird seine Aufgabe erfüllen, so wie sie alle ihre Pflicht erfüllen. Niemand will den Allliebenden Vater enttäuschen, wenn er die Pflichterfüllung fordert. Noch steht der Novize für die Menge unsichtbar im Eingang einer der Wartungstunnel. Unter Applaus und Gejohle schlurft er über den Vorplatz. Er trägt einen viel zu großen Rucksack, der ihn beugt wie das Alter die Drohne. Er hält den Blick gesenkt und schaut auch nicht auf, als er den Rucksack auf dem Podium abstellt. Der Allliebende Vater legt ihm die Hand auf die Schulter und lächelt gütig. Von diesem Moment wird er sicher noch seinen Enkeln erzählen. Der Novize verbeugt sich und zieht sich in den Tunnel zurück, aus dem er gekommen war. Mir kommt es so vor, als würde ich neben mir stehen und würde dieser bizarren Situation als Zaungast beiwohnen. Ich sollte sicher Angst haben, aber ich spüre nichts. Der Allliebende Vater breitet die Arme aus, als wolle er jedes seiner Kinder gleichzeitig umarmen. Er weiß ganz genau, nach was sie sich sehnen. Nach seiner Weisheit und dem letzten Schimmer Hoffnung.

 

„Kein Verbrechen ohne Strafe, keine Strafe ohne Buße, keine Buße ohne Hoffnung. Auch wenn XTF 37-48 sein Leben verwirkt hat, als er sich gegen die Wächter in den Minen erhob, heißt das nicht, dass er für uns kein Funke der Hoffnung sein kann. Über uns liegt die Alte Welt in Trümmern. Wüst und unbewohnbar. Keiner, der uns verließ, kam in den Schoß unserer Gemeinschaft zurück.“ Ein Raunen ging bei den Worten des Allliebenden Vaters durch die Menge. 

 

„Verzagt nicht, meine Kinder. Der Tag, an dem wir wieder unter dem Himmel wandeln können, wird kommen. Wie einst unsere Vorfahren werden wir uns die Erde untertan machen. Unsere Zeit wird kommen, genau wie die Chance zur Buße.“ Die letzten Worte richtete der Allliebende Vater direkt an mich. „Bist du bereit zu büßen, XTF 37-48?“ 

Die Pranke eines der Soldaten zwingt mich ruckartig in die Knie. Ich leiste keinen Widerstand, ich will einfach nur, dass es zu Ende ist. Der zweite Soldat schnallt mir mit groben Bewegungen den Rucksack um, während der Allliebende Vater ein paar unverständliche Worte in der Sprache der Alten murmelt. Eine weitere ruckartige Bewegung bringt mich wieder auf die Beine. Der Rucksack hat ein beträchtliches Gewicht, das ist jedoch nichts im Vergleich zu der Arbeit in den Minen. 

 

„Nun ist es an der Zeit, dass du dich auf deine letzte Reise begibst, XTF 37-48. Dein Tod schenkt uns Erkenntnis. Dein Tod wird uns den Weg in ein besseres Morgen leiten.“

 

Unter dem Gejohle der Menge führen mich die Soldaten das Podium herab und bringen mich zu der nicht weit entfernten Hauptschleuse. Die Worte des Alliebenden Vaters gehen im Lärm der Menge unter, kurz darauf setzt sich der archaische Mechanismus in Bewegung. Zischend fahren die beiden Hälften der Schleuse auseinander. Für mich und wohl auch für viele der Anwesenden ist es das erste Mal, dass wir das erleben. Krachend rasten die Türen in den Halterungen ein, vor mir liegt eine endlose Schwärze. Einer der Soldaten gibt mir durch einen Stoß zu verstehen, dass ich mich bewegen soll. Ich gehe in die Kammer, gerade soweit, wie das diffuse Licht der Torhalle reicht. Irgendwo vor mir, wahrscheinlich nur wenige Schritte durch die Schwärze, liegt die zweite Schleusentür. Die sich schließende Schleuse verdunkelt meine Welt. Ich werfe keinen Blick zurück, warum auch? Es gibt nichts, was ich an diesem Ort vermisse, alles was ich bei dem Gedanken an die Bunkerstadt empfinde, ist Bitterkeit. Krachend setzen sich die beiden stählenden Hälften wieder zu einer unüberwindbaren Barriere zusammen. Zum ersten Mal im Leben bin ich wirklich alleine. Es dauert etwas, bis ich erkenne, dass es ein gutes Gefühl ist. Ich habe keine Angst vor dem, was vor mir liegt, ich kann es kaum erwarten bis sich die äußeren Schleusentore öffnen und mir eine kurze Freiheit schenken. Ich kenne die Alte Welt nur aus den Geschichten. Niemand, nicht einmal die ältesten Bewohner der Bunkerstadt, können sich an die Zeit erinnern, als die Menschen noch unter dem Himmel lebten. 

Die äußeren Tore öffnen sich ätzend und ein einziger, freudenspendender Lichtstrahl durchtrennt die Dunkelheit. In einer stoischen Gelassenheit, die für die Situation gleichzeitig passend und unpassend ist, öffnet sich das Tor zur Alten Welt. Noch bevor sich die Schleuse ganz geöffnet hat, springe ich hindurch. 

 

Das erste was ich sehe, ist mehr Beton. Gebrochen und geschunden von der menschenfeindlichen Welt. Der Himmel über mir ist grau. Irgendwo hinter den Wolken muss sich die Sonne befinden. Um mich herum ist alles grau oder braun, nichts lebt. Es ist still, einzig der Sender im Rucksack beginnt zu piepsen. Für einen Moment weiß ich nicht, was ich tun soll. Wo soll ich hingehen? In der Bunkerstadt gab es oft nur einen Weg, der gegangen werden konnte. Ein Startpunkt, ein Ziel und dazwischen nur monotones Grau. Hier gibt es keine Wege, keine Wände, keine niedrigen Decken, nur eine graue Endlosigkeit. Ich hatte mir die Welt anders vorgestellt. Hatte der Allliebende Vater von Anfang an Recht? Sind wir nur in der Bunkerstadt sicher? Die Schleuse hinter mir schließt sich, dieser Weg ist mir für immer versperrt. Der Weg, der einst zur Bunkerstadt führte, ist kaum noch  als ein solcher zu erkennen, dennoch halte ich es für die beste Idee, dem Weg meiner Ahnen zu folgen. Alles um mich herum ist eine Mischung aus braun und ungesundem, dunklen Grün. Gerahmt von den grauen Wänden der Bunkerstadt hinter mir, dem grauen Betonpfad vor mir und dem endlosen grauen Himmel über mir. Wie so oft in meinem Leben gibt es nur einen Weg und dieser führt nach vorne in eine ungewisse Zukunft. 

 

Je weiter ich mich von der Bunkerstadt entferne, desto steiniger wird der alte Pfad. Wo anfangs nur Risse den Beton durchzogen, sind nun ganze Brocken herausgesprengt, die vom Dreck der Jahrhunderte umspült sind. Rechts und links halb vergraben und vollständig zerstört liegen formlose Vermächtnisse der Menschheit. Wofür sie gut waren? Keine Ahnung. Hatten die Menschen sie schon aufgegeben oder sind sie so kurz vor dem Ziel mit ihnen vernichtet worden? Ich setze mich neben einem dieser Klumpen auf einen Stein. 24 Stunden, mehr habe ich nicht. Einen Tag, dann wird mich diese grausame Welt in die Knie gezwungen haben, wie so viele vor mir und noch mehr nach mir. Der Sender piepst immer noch kontinuierlich. Ich öffne den Rucksack. Außer der Box aus Metall ist nichts darin. Kein Wasser, kein Essen, nur dieses monotone, nervtötende Piepsen.

 

Ich packe die Box mit beiden Händen und schleudere Sie auf den Boden. Mit einem lauten, metallischen Bersten bricht das Gehäuse auf, die rote Lampe erlischt, das Piepsen verstummt. Ein paar Kabelstränge sind bei dem Aufschlag auf dem Boden aus der Box herausgequollen, mehr nicht. Egal, was die Funktion dieses Senders war, er wird sie nicht mehr ausführen. Es ist Zeit weiterzugehen, wieso sollte ich hier zu Grunde gehen, wenn ich es auch wo anders tun kann?

 

Wenig später endet der Weg der Ahnen im Nirgendwo. Vor mir hebt sich die Erde gen Himmel und scheint die wenigen Betonreste verschlungen zu haben. Weder rechts noch links kann ich ein Ende erkennen. Mit einem prüfenden Tritt beginnt mein Aufstieg, im Schneckentempo geht es bergauf. Jeder Handgriff, jeder Tritt wird zweimal geprüft, bevor ich mich mit meinem vollen Gewicht hochziehe oder abdrücke. Schweiß bricht mir aus den Poren. Solche körperlichen Anstrengungen bin ich nicht mehr gewöhnt. Mein Atem geht flach, mir funkeln Lichter vor den Augen. 

 

Ist das noch die Anstrengung oder schon das Sterben? Nicht mehr lange, dann habe ich es geschafft. Ein letzter Griff, ein letztes Abdrücken und ich habe den Hang erklommen. Erschöpft drehe ich mich auf den Rücken. Schließe die Augen und warte, bis sich mein Atmen wieder beruhigt hat. Erst dann mache ich mir ein Bild von meiner Umgebung: Ein felsiges Plateau erstreckt sich weit in beide Richtungen. Ich schreite über den flachen Kamm hinüber zur anderen Seite, weiche kleineren Steinen und größeren Löchern aus, dann habe ich die Kante erreicht.

 

Tränen schießen mir in die Augen, noch nie in meinem Leben habe ich etwas so Schönes gesehen, wie das, was vor mir liegt. Hieß es nicht immer die Welt sei tot? Geschändet durch den Wahnsinn unserer Vorfahren, deren Taten uns unter die Erde zwangen? Vor mir erstreckt sich ein Meer aus unendlichem Grün, Gräser und Sträucher, ab und zu von hohen Bäumen durchbohrt. Dieser Ausblick ist es, der mir wieder neue Kraft schenkt. Der Abstieg fällt mir leicht, der Weg der Ahnen beginnt dort, wo er auf der anderen Seite aufgehört hatte. Am liebsten würde ich von hier nach da rennen und wieder zurück. Würde jeden Busch und jedes Erdloch darauf untersuchen, ob es noch mehr Leben gibt. Leider kann ich nichts entdecken, vielleicht können hier immer noch keine Tiere leben, vielleicht verscheuche ich sie aber auch mit meinen polternden Schritten auf den grauen Brocken. 

 

Ich habe schon lange kein Zeitgefühl mehr und kann nicht sagen, wie lange ich mit offenem Mund und offenen Ohren durch diese mir neue Welt marschiert bin. Immer auf den Spuren meiner Ahnen, ihrer, die Jahrhunderte überdauernde Vermächtnisse und ihrem Zerstörungsdrang. 

 

Die Sonne begleitet mich auf meinem Weg, auch wenn ich sie hinter den grauen Wolken nur erahnen kann. War sie einen Teil des Weges in meinem Rücken, hat sie mich jetzt überholt und setzt sich vor mich. Es wird nicht mehr lange dauern und sie wird mich allein zum Sterben zurücklassen. 

Wenn mich die Welt nicht richten würde, würde es der Hunger und der Durst übernehmen. Ich hatte zum letzten Mal am Abend vor meiner Verstoßung etwas gegessen und getrunken. Das diffuse Licht der Sonne wird immer schwächer. Ich sollte mir einen Ort suchen, an dem ich die letzten Stunden meines Lebens verbringen kann. Auch wenn der Weg der Ahnen so gut wie jeder andere Ort auf dieser Welt ist, schlage ich mich in die Büsche. Angetrieben von dem abstrusen Gedanken von Geborgenheit durchkämme ich das hüfthohe Buschwerk und bewege mich festen Schrittes auf eine kleine Ansammlung von Bäumen zu. Ein Ort wie geschaffen für die letzte Rast. 

 

Der wirre Gedanke, der mich hierherführte, stellt sich als glückliche Fügung heraus. Denn die Bäume umschließen eine kleine Wasserstelle, an der ich zumindest meinen Durst löschen kann. Das Wasser ist kalt und klar, es schmeckt ganz anders als das in der Bunkerstadt, weich umspielt es meinen Gaumen. Ohne den gewohnt bitteren Nachgeschmack rinnt es meine Kehle hinab. Gierig schaufele ich immer mehr Wasser aus dem Loch in meinen Mund, bis nichts mehr in meinen Körper hineinpasst. Erschöpft lasse ich mich auf den Rücken fallen, der Boden unter mir ist nicht härter als die Pritsche in meiner Zelle. Ich knülle den Rucksack zusammen und schiebe ihn unter meinen Kopf. Die Sonne ist verschwunden, ich liege in fast vollkommener Dunkelheit. Einen Tag war ich frei, für einen Tag konnte ich den Himmel sehen und den Wind auf der Haut spüren. Ich schließe die Augen. Es war schön frei zu sein.

 

Ich spüre einen Stoß in meiner Flanke, erschrocken fahre ich hoch. Die Dunkelheit ist dem Zwielicht gewichen und ich blinzle den Schlaf aus meinen Augen. Eine Gestalt steht über mich gebeugt und streckt mir ihre Hand entgegen. „Willkommen zu Hause Bruder.“