Endstation

Der letzte Zug wird den Bahnsteig verwaist zurücklassen, niemand wollte bleiben, alle wollten fort. Nach Hause, um endlich Ruhe zu finden und ich bin mitten unter ihnen. Unbeachtet, unbemerkt und unerkannt. Die Bremsen des Zugs quietschen, der eisige Wind legt sich, die Reisenden treten einen Schritt nach vorne. Warten, bis sich die Türen öffnen, um sich dann, wie ein Schwarm gemeinsam in Bewegung zu setzen. Einer nach dem anderen erklimmt die Stufen in die Wärme und sucht sich einen Platz in dem leeren Waggon.

 

Wie schon auf dem Bahnsteig bleibt jeder für sich, sie alle sind müde. Keiner möchte reden. Manche lehnen sich zurück und schließen die Augen. Andere ziehen ihr Handy hervor und das Licht des Displays erleuchtet gespenstisch ihre Gesichter. So verschieden die einzelnen Fahrgäste sind, sie alle suchen Ruhe und Zerstreuung nach einem langen Tag. Alle bis auf mich, ich bin immer noch im Dienst, es gibt für heute noch eine letzte Aufgabe zu erledigen. Trotzdem, ich habe es nicht eilig, ich steige als Letzter ein und setze mich auf einen Platz ganz hinten im Waggon. Die Luft im Zug ist warm und verbraucht. Zwei Reihen vor mir sitzt ein Mann. Gut gekleidet mit Anzug und Krawatte, auf den ersten Blick erweckt er den Eindruck eines erfolgreichen Geschäftsmanns. Was niemand außer mir wahrnehmen kann, ist, dass sein Hemd durchgeschwitzt ist. Seine Fingernägel sind abgekaut und sein Atmen stinkt nach Kaffee. Er hatte heute keinen guten Tag, er hatte schon lange keinen guten Tag mehr. Die Arbeit nimmt überhand, nein sie überfordert ihn. Es hat einen Grund, warum er den letzten Zug nimmt, er braucht die Zeit, um seine Aufgaben im Büro zu erledigen. Jeden Tag gibt er sein Bestes und trotzdem hat er das Gefühl, keinen Schritt voranzukommen. Lange wird er dieses Leben nicht mehr durchhalten. Die Haare werden grau, die Falten tiefer. Morgen ist ein Bericht fällig und meines Wissens hat er noch nicht damit angefangen, ihn zu schreiben. Als könnte er meine Gedanken lesen, öffnet er seine Tasche und holt den Laptop heraus. Sein Arbeitstag ist wohl auch noch nicht zu Ende. Die Angst zu Versagen raubt ihm die Ruhe und so arbeitet er weiter. Das leise Klacken der Tasten erfüllt die Luft, aber niemand schenkt ihm Beachtung.

 

Die junge Frau, die auf der anderen Seite des Ganges sitzt, ist besser gelaunt. Zwar war der Reisetag lang aber, er ist auch bald vorbei. Sie fährt nach Hause zur Familie, ein runder Geburtstag steht an. Sie freut sich darauf endlich ihre Familie wiederzusehen, das Semester ist gerade zu Ende gegangen und sie erhofft sich ein paar ruhige Wochen ohne Verpflichtungen. Sie muss sich über ihre Zukunft klar werden. Sie ist sich weder sicher, ob das Studium das Richtige für sie ist, noch ob sie ihren Freund noch liebt. Während des stressigen Alltags der letzten Wochen hatte sie diese bohrenden Fragen zur Seite geschoben. Nun, da sie allein ist, hat sie alle Zeit und Ruhe darüber nachzudenken. 

 

Ruhe ist ein gutes Stichwort, um den Mann zu beschreiben, der ganz vorne im Waggon sitzt, der Zug ist noch nicht losgefahren und er ist schon eingeschlafen. Wer kann es ihm verübeln, die Schichten im Krankenhaus sind lang und hart, aber er braucht das Geld. Die Nächte zu Hause sind kurz, denn seine Tochter schläft noch nicht durch. Auch diese Nacht wird sie aufwachen und weinen, doch es wird anders sein als die Nächte zuvor. 

 

Keine dieser Lebensgeschichten ist erfunden. Woher ich das weiß? Woher ich alle diese Menschen kenne? Ich kenne sie nicht wirklich, ich habe sie heute zum ersten Mal getroffen. Ich bin nur hier, um sie ins Jenseits zu holen, ich bin der Tod und dieser Zug wird niemals sein Ziel erreichen. Auf halber Strecke wird er einen Lastwagen rammen, der auf einem Bahnübergang stehen geblieben ist. Der Zug wird entgleisen und die Böschung herunterstürzen. Der LKW-Fahrer wird überleben, er konnte sich noch früh genug in Sicherheit bringen, aber auch ihn werde ich mir früher oder später holen. Für den Lokführer und meine drei Mitreisenden wird jedoch jede Hilfe zu spät kommen. Ihrer Reise wird heute enden.