Erlösung

Der laute Knall hatte die Vögel aufgeschreckt, die schimpfend von dannen zogen. Sollten sie nur, hatte er doch die Autotür so fest zugeschlagen, dass jeder in diesem verdammten Wald wusste, dass er hier war.

Stur, verzweifelt und zum Scheitern verurteilt stand er in der wiederkehrenden Stille; unsicher, welcher Schritt der nächste, und wichtiger der Richtige sein würde. Gab es überhaupt noch einen richtigen Schritt oder sollte er einfach alles hinter sich lassen? Vor der Ankunft hatte der Plan doch noch ganz gut geklungen. Er wollte die Suche dort beginnen, wo die Zeugen seinen Sohn zuletzt lebend gesehen hatten. Nun, als er sich umsah, wurde ihm seine Fehleinschätzung bewusst. Wohin er sich auch drehte, wurde sein Blick von dichtem Grün und Braun verschlungen. In alle Himmelsrichtungen gab es nur den Wald, tief, unberührt, mysteriös. Außer ihm war niemand hier.

 

Der Wald war erneut in eine ruhige Starre verfallen. Die Skitouristen hatten ihre Ausrüstung schon längst wieder in den Kellern verstaut, dort, wo der Winterschlaf der Wanderstiefel ununterbrochen weiterging. Er konnte es den Leuten nicht verübeln und schlug den Kragen seiner Jacke hoch. In den Tiefen des Waldes war es immer noch empfindlich kalt, obwohl die Sonne eines kurzen Tages versucht hatte, die Kälte zu bezwingen. Doch wie ihm fehlte der Sonne die Kraft, wie er hatte sie ihren Zenit überschritten und machte sich daran unterzugehen. “Nur werde ich morgen nicht stärker strahlen als am Tag zuvor.” Er holte seinen Armeerucksack aus dem Kofferraum, prüfte mit erfahrenen Griffen und Blicken den Inhalt. “Was mache ich hier?” Er ertappte sich nun schon zum wiederholten Mal bei diesem grausamen Gedanken. Zuerst, als er in diesen zu perfekten Landgasthof eincheckte, so wie es vor Monaten auch Mutter und Sohn getan hatten. Die rustikalen Möbel, die trachtentragende Gastwirtin, ihr Gruß, es kam ihm so vor, als würde die Zeit hier langsamer vergehen, als wäre hier nie etwas Furchtbares geschehen. Ein Märchenland, in dem jede Geschichte mit “sie lebten glücklich und zufrieden bis an das Ende ihrer Tage” abschloss.

Das zweite Mal stellte er sich die Frage, als er sämtliche Schilder ignorierend einfach in den Nationalpark hineinfuhr, während sein Blick vom Navigationsgerät auf die Straße und wieder zurückwanderte. Nun das dritte Mal, als er endlich den Ort erreicht hatte, an dem alles begann und zugleich endete. 

 

“Ich suche meinen Sohn.” Das war die Antwort. Er flüsterte es dem Wald entgegen, als könnten die uralten Fichten und Buchen ihm mit ihren Ästen die Richtung zeigen. 

“Ich suche meinen Sohn.” Eine klare Aussage, die eine immense Aufgabe beschrieb, war er doch nur die vierte Welle. Die letzte Verstärkung, die erst kam, als die Schlacht schon verloren war. Polizei, freiwillige Helfer, Schaulustige und Fernsehteams. Sie alle waren hier gewesen und sie alle waren verschwunden, bevor der erste Schnee den Boden bedeckte und damit sämtliche Hoffnung begrub. 

Wäre er doch nur früher hergekommen und hätte nicht im Ausland festgesessen, einem Land dienend, dessen Gesellschaft sein Schicksal vollkommen egal war. Er wollte helfen, doch seine Hände waren gebunden. 

Nun, einen harten Winter später, hatte er sich aufgerafft, um die Wahrheit zu suchen. Die Wahrheit über die letzten Stunden seines Sohns und die Rolle, die das stumme Häufchen Elend gespielt hatte, das er einst seine Frau genannt hatte. Täterin oder Opfer, die Medienhäuser bekriegten sich förmlich mit den Schlagzeilen. Während die einzige Person, die Klarheit bringen konnte, seitdem nie wieder etwas gesagt hatte.

Er warf einen Blick auf die Karte, auf der er die letzten Stunden der tragischen Wanderung seines Sohns rekonstruiert hatte. Vom Aufbruch im Landgasthof über den Ort, wo er zum letzten Mal gesehen wurde, über den geplanten circa 10 km langen Weg zum Gipfel eines kleinen Berges. Weder Mutter noch Sohn kamen jemals dort an. 48 Stunden später tauchte sie allein und verstört bei dem Landgasthof auf, für immer eingemauert in ein Gefängnis aus Fleisch und Schweigen.

 

Einen Fuß vor den nächsten, setzte er sich noch immer mit sich selbst hadernd in Bewegung. Ein dünner Ast brach unter seinem Stiefel, sonst wurde er allein von der einzigartigen Stille begleitet, die nur in einem Wald existieren kann. Jeder Schritt, das wusste er, war purer Aktionismus. Trotzdem, er konnte nicht Zuhause auf seinem Arsch sitzen, während sein Leben in Richtung Abgrund an ihm vorbeizog.

Licht und Schatten wechselten sich dort ab, wo es die Sonne schaffte, durch das dichte Grün hindurch zu brechen, doch wie in seinem Herzen dominierten die Schatten über die langsam schwindende Sonne. Seine Gedanken kreisten um zwei Fragen, eine schlimmer als die andere. “Was ist, wenn ich ihn nicht finde?” “Was ist, wenn ich ihn finde?” Und immer wieder das unerbittliche “Es hat eh keinen Sinn.” 

Er hatte sich akribisch auf seine Mission vorbereitet. Hatte die ihm zugänglichen Unterlagen studiert, die abgesuchten Areale eingezeichnet und darauf basierend eine Strategie ersonnen. Er wollte kritische Punkte absuchen, an denen eine Übernachtung im Wald ohne die nötige Ausrüstung möglich war, denn niemand konnte zwei Tage lang ohne Pause im Wald herumirren. Ihm war klar, dass ihn seine Suche weg von den ausgetretenen Touristenpfaden führen würde. Wären Mutter und Sohn auf diesen geblieben, hätten mehr Zeugen sie sehen müssen.

 

Das erste rot markierte Areal lag laut Karte circa fünf Kilometer östlich von ihm. Nach knapp 500 Metern verließ er den Hauptweg und schlug sich in das noch fast kahle Unterholz. Der Frühling würde den Büschen bald wieder ihr grünes Kleid überziehen und weitere Suchen erschweren.

Der Weg, der vor ihm lag, war nicht mehr als ein Trampelpfad, selten von Wanderern genutzt, vielleicht ein Geheimtipp, vielleicht eine Sackgasse. Strammen Schrittes brachte er die von Kurven und Abzweigungen gespickte Strecke hinter sich. Zumindest diese kleine Lichtung wollte er heute noch in Augenschein nehmen, bevor die Dunkelheit eine weitere Suche unterbinden würde. Er verfluchte sich dafür, dass er so spät losgefahren war, dass er so spät angekommen war, dass er einfach immer zu spät war. 

Ein Blick auf die Karte verriet ihm, dass er sein Ziel fast erreicht hatte. Kurz darauf endete der Trampelpfad in einer kleinen Lichtung, dominiert von mit Moos bewachsenen Granitbrocken. Der größte fast einen Meter hoch und ebenso breit. Er steuerte genau auf ihn zu, setzte sich und ließ den Blick schweifen. Waren sie hier vorbeigekommen? War sein Sohn auf den Steinen herum geklettert? Lachend von einem zum anderen gesprungen? Selbst wenn? Was würde ihm diese Information bringen? Er vergrub sein Gesicht in den Händen, diese ganze Suche war sinnlos.

 

Mit der letzten, verzweiflungsgespeisten Kraft erhob er sich und begann die Lichtung abzusuchen. Jedes Indiz würde helfen. Waren doch so viele Dinge nicht mehr aufgetaucht. So waren beide Rucksäcke und deren kompletter Inhalt verschwunden geblieben, ebenso die Jacke und beide Schuhe seiner Frau. Was zur Hölle war in diesem Wald passiert?

Würde er irgendetwas davon finden, könnte er die Behörden vielleicht überzeugen, die Suche wieder aufzunehmen. Seine Atmung ging flach und schnell, als er jeden Laubhaufen durchwühlte und jeden Stein umdrehte, dessen er habhaft werden konnte. Doch seine Hoffnungen blieben unerfüllt, außer ein paar Asseln und Ameisen verbarg sich nichts an diesem Ort. Er zog die Karte aus seiner Tasche und machte eine Notiz. “Was ist, wenn ich das ganze falsch angehe?”, fragte er sich halblaut, als er die über und über mit Notizen bekritzelte Karte weiter studierte. Immerhin hatte die Polizei den Bereich schon abgesucht. Mit ihrer gesamten Stärke und Erfahrung. Was konnte er schon ausrichten? Was hatte er außer Hoffnung, Wut und Verzweiflung anzubieten?

Die Minuten verstrichen während er still auf dem größten Granitbrocken saß und beobachtete, wie die Schatten immer länger wurden. Er musste bald aufbrechen, wenn er nicht von der Dunkelheit eingeholt werden wollte. Morgen würde er weitersuchen.

In dem Moment, in dem er seinen Rucksack schulterte, ertönte irgendwo hinter ihm ein Rascheln. Erschrocken drehte er sich um und erspähte im Licht der untergehenden Sonne eine Frau, die von der entgegen gesetzten Seite die Lichtung betreten hatte.

 

“Ich wollte dich nicht erschrecken”, klang es glockenhell über die Lichtung. Als er nicht reagierte, sprach sie weiter. “Sie sind nicht von hier, oder?” Sie machte wieder eine Pause. “Normalerweise trifft man keine Touristen abseits der ausgeschilderten Wege und erst recht nicht zu dieser Jahreszeit.” “Ich wollte gerade gehen, dann haben Sie den Wald wieder für sich.” “So habe ich das nicht gemeint”, die Frau hob abwehrend die Arme und zum ersten Mal machte er sich die Mühe, sein Gegenüber näher anzusehen. Es fiel ihm schwer, die Frau, die nun nur noch knapp drei Meter von ihm entfernt stand, einzuschätzen, was nicht ausschließlich an den schlechter werdenden Lichtverhältnissen lag. Sie wirkte gleichzeitig jung und alt. Die Haare stark ergraut, fast weiß, die Stimme jedoch hell und freundlich, ein Lächeln umspielte ihre blassen Lippen, als sie weitersprach. Sie war genauso wenig wie er für eine lange Wanderung ausgerüstet. “Wo wollen Sie denn heute noch hin? Es wird langsam dunkel.” “Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Mein Auto steht nicht weit entfernt auf einem Weg”, er deutete in Richtung des Trampelpfads, von dem er gekommen war. “Das trifft sich gut. Ich muss in dieselbe Richtung. Stört es Sie, wenn ich Sie begleite?” Wieder diese glockenhelle Stimme, die so gar nicht zu der äußeren Erscheinung passte. “Ich kann es Ihnen ja nicht verbieten”, murrte er und lief los. Mit zwei schnellen Schritten hatte die Frau zu ihm aufgeschlossen. Sie gingen ein paar Minuten wortlos neben einander her, immer wieder wollte die zierliche Frau das Wort ergreifen, schwieg aber nach einem Blick in das finstere Gesicht ihres Begleiters. Dann endlich, sie hatten schon mehr als den halben Weg hinter sich gebracht, rang sie sich dazu durch ihn anzusprechen. “Ich glaube, ich kenne Sie von irgendwo her.” Keine Frage, keine Antwort, einzig ein kehliges Brummen das in der einsetzenden Dunkelheit des Waldes verhallte. “Doch, doch”, die Frau ließ nicht locker. “Ich weiß, warum Sie hier sind. Sie werden ihren Sohn hier aber nicht finden.” Er blieb wie angewurzelt stehen. “Was zum Teufel! Was soll der Scheiß?” Eine Woge des Zorns schwappte über ihn hinweg, als er sich schwungvoll zu seiner Begleiterin umdrehte. 

“Ich wollte Sie nicht so überrumpeln.”, sie hob beschwichtigend die Arme, fast so, als würde sie mit einem Angriff rechnen. “Ich… Ich lebe nicht weit von hier. Bei uns in der Gegend ist das Verschwinden ihres Sohnes immer noch Stadtgespräch. In der Zeitung war ein Bild von Ihnen. Daher kenne ich Sie.” Die Anspannung verließ seinen Körper, so schnell wie sie gekommen war. Ein undefinierbares Gefühlswirrwarr tobte in seiner Brust. Er war froh, dass das Schicksal seines Sohns nicht schon von anderen Geschichten verdrängt war, zugleich war er voller Zorn, wie die Frau darüber redete, als sei diese Tragödie nichts Anderes als Dorftratsch. Erneut fühlte er sich hilflos und fehl am Platz. Er hing der Leere seiner Gedanken nach und merkte erst, dass seine Begleiterin noch immer neben ihm stand, als sie etwas sagte. Wie viel Zeit war vergangen? Minuten oder Stunden? Er konnte es nicht sagen und es war ihm auch egal. 

 

“In der Zeitung stand, dass es ein Verbrechen war”, die Stimme seiner Begleiterin war freundlich, dennoch traf ihn die mitschwingende Unterstellung bis ins Mark. So sehr er sich bemühte, so sehr er seine Augen vor den Fakten verschloss und seine Gedanken verknotete, es war unmöglich, nicht zu diesem Schluss zu kommen. Irgendwo hier in den Tiefen des Waldes wurde letztes Jahr ein grausames Verbrechen verübt. Das Opfer sein Sohn, der Täter unbekannt. Er wollte glauben, dass es nicht seine Frau war, dass sie alles versucht hatte, um die Tragödie zu verhindern, dass ihr Herz brach, als sie es nicht schaffte. Aber konnte er das glauben? War sie jemals die Löwenmutter, als die er sie sehen wollte? Oder hatten die Ermittlungsorgane recht, die sich nur allzu schnell auf sie eingeschossen hatten? Die Medien hatten es aufgegriffen und ihre Version der Geschichte in die Welt getragen. “Was weiß die Mutter?”, war noch eine der differenzierten Schlagzeilen. Andere gingen unverhohlen davon aus, dass sie etwas mit dem Verschwinden ihres Sohns zu tun hatte. Es wurde von “Schweigen” und “Vertuschung” geschrieben. Es wurde behauptet, ihre psychischen Probleme seien eine clevere Taktik, um der Strafverfolgung zu entgehen. All das ging ihm durch den Kopf, wurde wieder an die Oberfläche gespült. Im Gegensatz zu den unkontrollierbaren Gedanken hatte er hier eine Wahl und er traf sie mit fester Stimme. “Ich will nicht darüber reden.” Wie in Trance setzte er sich in Bewegung, seine Begleiterin hatte sich währenddessen zur Fremdenführerin befördert und ging voraus. Er war dankbar dafür, in der einsetzenden Dämmerung erkannte er den Rückweg nicht wieder. “Obwohl ich weder ihre Frau noch ihren Sohn kannte, trifft mich ihr Schicksal schwer. Der Tod eines Kindes durch die Hand der Mutter ist das Schlimmste, was passieren kann”, sie wartete nicht auf eine Reaktion, sondern sprach einfach weiter. “Hier in der Nähe steht eine Burg, oder das, was von ihr übrig ist. Fast tausend Jahre ist es her, dass die ersten Steine aufeinandergesetzt wurden. Seitdem ranken sich Legenden um das altehrwürdige Gemäuer. Geschlechter herrschten und starben aus, die Burg jedoch tat stoisch ihren Dienst. Von allen Geschichten, die erzählt werden, sticht eine heraus.” Die Frau machte eine Pause, aber als sie merkte, dass ihr Begleiter keine Anzeichen machte die Stille zu füllen, sprach sie weiter. “Es ist die Geschichte der weißen Frau.” Auch wenn die Worte seiner Begleiterin an sein Ohr drangen, machten sie keinen Sinn für ihn. Er wollte ihr sagen, dass er keine Lust auf ihre Märchenstunde hatte, wollte fragen, wo zur Hölle sie waren. Erkannte er doch nichts wieder, was ihn an den Hinweg erinnerte, aber er schwieg. Er war gefangen im Rhythmus des Marsches und vom Klang ihrer Stimme. “Es ist nun schon Jahrhunderte her, dass die Frau eines Ritters Siebenlinge gebar. Es ist unklar, was die Burgdame zu den nächsten Schritten verleitete, aber sie wies ihre Lakaien an, die Kinder im nahegelegenen Fluss zu ertränken und die Lakaien schritten loyal zur Tat. Der Ritter selbst kam gerade von einem Kriegszug zurück, genau rechtzeitig, um die sieben Kinder vor dem Tod zu retten. Er brachte sie in ein Kloster, wo sie aufgezogen wurden. Der Ritter schwieg über die Ereignisse und die Jahre zogen ins Land. Es ergab sich, dass ein großes Fest auf der Burg stattfand und der Ritter ließ die nun stattlichen Siebenlinge ihrer Mutter vorführen. Er fragte sie, was man mit einer Frau tun solle, die diese Kinder töten lassen wollte. Blind für die Falle, die ihr gestellt wurde, sagte sie, eine solche Frau sollte man lebendig einmauern und so geschah es. Die Frau wurde zur Strafe lebendig eingemauert. Ihr Geist soll noch heute reuevoll durch die Ruine spuken. Genauso wie Sie sucht die weiße Frau Erlösung. Die suchen Sie doch?” Nun direkt angesprochen erwachte er aus der Starre, in die er während der Erzählung gefallen war. “Erlösung”, wiederholte er langsam, als würde er das Wort wie ein Artefakt in seinen Händen hin und her drehen, um dessen eigentliche Bedeutung zu ergründen. “Wie soll ich sie während meiner Lebenszeit finden, wenn die weiße Frau sie schon seit Jahrhunderten sucht?”, er starrte auf den Boden vor sich. Es war ein Fehler gewesen, hier her zu kommen, das wusste er jetzt. Er konnte Niemanden retten außer sich selbst. Sobald er sein Auto erreicht hatte, würde er in den Landgasthof fahren, packen und diesen Ort für immer verlassen. Die Welt war groß, vielleicht konnte er irgendwo in der Ferne ein bisschen Glück finden.

 

“Wo sind wir?” Nun da er seine Gedanken einigermaßen geordnet hatte, fiel ihm auf, dass sie bei diesem Tempo schon längst wieder den Hauptpfad erreicht haben müssten. Die Sonne war nicht mehr als der Abglanz eines für immer vergangenen Tages. Dunkelheit und Kälte eroberten den Wald zurück. Lange Schatten wanderten über den mit Laub und Moos bedeckten Boden. Inmitten dieser pittoresken Szenerie stand das ungleiche Paar. Der einsame Wanderer und seine Führerin. “Wo sind wir?”, fragte er nun nachdrücklicher, nachdem er keine Antwort erhalten hatte. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Sein Überlebenswille kehrte zurück und schlug die Lethargie in die Flucht. “Wir sind am Ziel”, sagte die Frau, ohne sich umzudrehen. Unbeirrt starrte sie auf einen Punkt in der sich ausbreitenden Dunkelheit. Seine Hand schnellte vor, wollte sich auf ihre Schulter legen und sie herumreißen. Seine Geduld war am Ende. Dann sah er es auch. Er hielt inne, unsicher, ob ihm seine Augen einen Streich spielten. Nein. Er war sich sicher. Was da aus dem Haufen aus Laub und Gestrüpp heraus ragte, war ein Schuh. Der Wanderschuh eines Kindes, seines Kindes, er war sich sicher. Mit einer explosiven Bewegung drängte er sich an der Frau vorbei. Zum ersten Mal berührte er sie und spürte, wie kalt sie war. Unbeirrt stürmte er vor, fiel auf die Knie und mit den bloßen Händen schaufelte er Laub und Dreck zur Seite. Mit immer schnelleren Bewegungen legte er zuerst ein Bein frei, dann einen Arm. Er griff um die Taille der dürren Gestalt und riss sie zurück in diese Welt. Weinend, schreiend, manisch lachend starrte er in die toten Augen, die einst seinem Sohn gehört hatten. Er betrachtete den zerschmetterten Schädel. Sanft ließ er den Körper zurück auf das Bett aus Blättern sinken. Er rieb sich die Tränen aus den Augen und stand auf. Er drehte sich um, die weißhaarige Frau war verschwunden.