Prolog - Böses Blut

 

Wäre Zlatan Dynkin in den letzten Momenten seiner Existenz keine Kugel, sondern sein gesamtes Leben durch den Kopf geschossen - es wäre kein schöner Film gewesen. Seit seiner Geburt in das perspektivlose Grau der Volksrepublik Bulgarien führte er einen brutalen Kampf, in dem nur die Stärksten überlebten. Früh begann er, Drogen zu nehmen, später dealte er. Haftstrafen und Scheidungen wechselten sich ab und am Ende blieb nur der Hass auf seine Umwelt und seine verkorkste Existenz. Ein solches Leben hatte kein Happy End verdient und so starb er aus mehreren Schusswunden blutend auf dem nassen Asphalt eines Autobahnrastplatzes. Ein Tod, der sein gesamtes Leben in einer Sekunde zusammenfasste.

 

Sein Bruder Yuri hatte etwas mehr Zeit zum Rekapitulieren. Aber es waren nur die belanglosen Details der letzten Stunden, die ihm durch den Kopf gingen, während er angeschossen vom Fahrersitz seines BMWs rutschte. 

Er atmete flach, fast unmerklich. Nur die aufschäumenden und platzenden Blutblasen in seinen Mundwinkeln zeigten, dass er noch unter den Lebenden weilte. 

 

Yuris Blick wurde trüb. Wie waren sie hier hergekommen? Richtig. Langsam fiel es ihm wieder ein. In seinem Kopf hörte er die blecherne Stimme des Navigationsgeräts und den Regen, der als Vorbote eines Unwetters auf die Straße prasselte. Sein Bruder und er hatten sich gestritten, wie so oft. In erster Linie waren sie Geschäftspartner gewesen, dann Brüder. Sie hatten sich gestritten, weil sie spät dran waren. Genau. Das Unwetter hatte sie aufgehalten, den Verkehr beinahe lahmgelegt und ihnen wertvolle Zeit geraubt. Sie kamen viel zu langsam voran, Zlatan wurde ungeduldig und ungehalten. Immer wieder hatte er ihn aufgefordert, schneller zu fahren. In unserem Metier kann man sich keine Verspätungen erlauben, hatte er gesagt. Yuri hatte es tatsächlich geschafft, einen Großteil der Zeit wieder aufzuholen, und so kamen sie nur ein paar Minuten zu spät an ihrem Ziel an. Der Rasthof lag still da und war bis auf einen einzigen LKW mit polnischem Nummernschild leer. Der ideale Ort für die Übergabe. Sie waren alleine gewesen. Anscheinend hatte ihr Geschäftspartner dasselbe Problem gehabt und war noch später dran als sie. 

 

Zlatan hatte vor dem Auto gestanden und geraucht, als diese Frau auftauchte. Yuris Lider flatterten. Da war diese Frau. Dieselbe Frau die gerade über seinem Bruder gebeugt neben dem Auto stand. Sie war aus dem LKW gekommen. Er hatte es genau gesehen. Er hatte sie beobachtet, als sie unbeholfen das Führerhaus verließ und in hochhackigen Schuhen die Leiter herunter kletterte. Ihm war klar, was für ein Typ Frau am Abend aus dem Führerhaus eines Lkws kletterte und mit jedem Schritt, den sie auf ihr Auto zu trippelte, wurde es immer deutlicher. Kurzer Jeansrock, tief ausgeschnittenes Top, platinblonde Haare. Man hätte ihr „billige russische Nutte“ auf die Stirn tätowieren können. Das Top war eng und ziemlich sicher vom Discounter. Es betonte auf unvorteilhafte Art ihre Speckrollen. Die Haare wirkten strohig, irgendwie künstlich. Ihr dümmlicher Gesichtsausdruck rundete das Gesamtbild ab. Yuri kannte diese Art von Frauen. Für ein paar Euro oder eine Tüte Crack waren sie zu allem bereit. 

 

Aber was konnte man auf einem abgelegenen Autobahnrasthof schon anderes erwarten? Zlatan hatte eine abwehrende Handbewegung gemacht oder hatte er sie herbeigewunken? Yuris Erinnerungen verschwammen. Blut tropfte aus seinem Mund, auf seinen Anzug, den Fahrersitz und die Armaturen. Auf jeden Fall hatte die Glut von Zlatans letzter Zigarette einen Bogen durch die einsetzende Dunkelheit gezogen. Wie ein kleiner Komet am Nachthimmel. Unbeirrt von Zlatans Gesten hatte die Frau ihren Weg fortgesetzt. Erst kurz vor dem Auto war sie stehen geblieben. Dann fiel der erste Schuss. Yuri schloss die Augen, er hatte keine Kraft mehr. Das war nun also sein Ende. Er hatte versagt, dabei hatte er seiner Mutter doch versprochen auf seinen kleinen Bruder aufzupassen.

 

Im Bruchteil einer Sekunde hatte die Frau eine kleine Pistole mit Schalldämpfer aus einem Holster an ihrem Rücken gerissen. Ihre rehbraunen Augen waren starr und gnadenlos. Ohne zu zögern, hatte sie abgedrückt. Zwei Kugeln trafen Zlatan in die Brust und in den Kopf. Auf dem weißen Hemd zeichneten sich rote Flecken ab, während er schlaff auf den nassen Asphalt sank und mit dem Rücken an die Beifahrertür gelehnt liegen blieb. Drei Kugeln durchschlugen das Seitenfenster des Wagens und ein Hagel aus Glassplittern ergoss sich in den Innenraum. Die Projektile schlugen in Yuris Flanke, während er noch unter Schmerzen versuchte seine Waffe zuziehen, aber inmitten der Bewegung erschlaffte. 

Der Spuk hatte nur wenige Sekunden gedauert, niemand hatte sie beobachtet oder etwas gehört - da war sie sich sicher. Die Fahrzeuge auf der Autobahn rauschten weiter unentwegt an dem Rastplatz vorbei, als wäre nichts geschehen. Sie durfte sich von der trügerischen Ruhe nicht täuschen lassen. Jederzeit konnte ein Wagen auf den Rastplatz fahren. Ein quengelndes Kind, das dringend aufs Klo musste, konnte ihre Mission zum Scheitern bringen.

 

Mit einem sanften Tritt gegen Zlatans Schulter kippte sein Körper zur Seite. Der war definitiv tot. Die Frau umrundete das Auto und öffnete langsam die Fahrertür. Yuris voluminöser Körper klappte aus dem Auto und der Oberkörper kam in einer bizarren Haltung kurz über dem Asphalt wieder zu Ruhe. Blutige Blasen bildeten sich in seinen Mundwinkeln. Die Frau hob erneut ihre Waffe und drückte ein letztes Mal ab. Die Kugel durchschlug Yuris Kopf. Blut und Hirn verteilten sich in einem feinen Sprühnebel auf dem kalten Asphalt. Sie steckte die Waffe wieder in ihr improvisiertes Holster, zog hellblaue Latexhandschuhe aus einer der Rocktaschen und aus einer anderen einen transparenten Müllsack. Schnell aber gründlich tastete sie Yuris toten Körper ab. Sie nahm ihm Portemonnaie, Handy und Pistole ab, sowie den Goldschmuck, den er trug. Hastig stopfte sie alles in den Müllsack. Anschließend lief sie um den Wagen und nahm auch Zlatans Papiere, Handy und Schmuck. Alles landete in dem Müllsack. Ein letzter Griff und ihr Auftrag war beendet. Die Aktentasche lag genau dort, wo es der Informant gesagt hatte. 

 

Sogar durch die Handschuhe konnte sie die raue Oberfläche des Leders spüren. Sie presste die Tasche an sich und atmete tief durch. Mit einer schnellen Bewegung ließ sie den Verschluss aufschnappen und griff hinein. Sie musste sich davon überzeugen, dass die Ware da war. Nach einer hastigen Suche, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam zog sie ein in Papier eingeschlagenes Fläschchen aus einem der Fächer. Es war da. Ihr Plan hatte funktioniert. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Die unschuldigen Grübchen, die sich auf ihren Wangen ausbildeten, standen im krassen Gegensatz zu dem, was sie gerade getan hatte.

 

Die Frau zog einen Autoschlüssel aus ihrer Rocktasche und drückte auf das Entriegelungssymbol. Auf einem Feldweg hinter dem Klohäuschen flackerten orange Lichter auf. Im selben Moment startete der Motor des Lkws. Die Scheinwerfer der Zugmaschine erwachten zum Leben und ließen bizarre Schatten über die Szenerie tanzen. Die Frau zog sich ihre Pumps aus und lief barfuß über den nassen Asphalt. Auf halbem Weg zum Auto riss sie sich die Perücke vom Kopf. Ihre kastanienbraunen Haare waren zu einem biederen, kurzen Pferdeschwanz gebunden. Am Auto angekommen entledigte sie sich des Restes ihrer Verkleidung. Sie streifte den Rock ab und zog sich eine enge dunkle Röhrenjeans an, dazu schwarze Stiefel. Das Top mit den eingenähten Speckfalten wich einem eleganten Rollkragenpullover. Sie verstaute alles im Kofferraum des Kleinwagens und verließ kurz nach dem Lkw ebenfalls den Rastplatz.

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Böses Blut - Prolog
Der Prolog meines ersten Romans zum Download.
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