Der letzte Passagier

 

Europäisches Land mit sechs Buchstaben. Letzter ein „D“. Karens Bleistift trommelte kaum vernehmlich auf das Papier, während sie überlegte. Europa, das wäre ein schönes Reiseziel. Wenn dann aber der Süden, Schnee hatte sie hier genug. Italien, Spanien oder Südfrankreich, wenn der Lavendel in voller Blüte stand. Sie beneidete die Menschen, die hier täglich ihre Reisen an die exotischsten Orte der Welt antraten, während sie nach ihrer Schicht in ihr kleines Apartment zurückkehrte. Welches Land versteckte sich hinter den weißen Feldern? Sie wandte sich erneut dem Kreuzworträtsel zu. Es waren nicht mehr viele der Kästchen leer aber die, die es waren, wehrten sich hartnäckig dagegen ausgefüllt zu werden. Sie ließ den Bleistift sinken. Allein kam sie hier nicht mehr weiter, vielleicht konnte ihr Herbert ein paar richtige Antworten vorsagen. Immerhin hatte er ein paar Jahre mehr auf dem Buckel und die halbe Welt bereist.

 

Karen lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und rieb sich die Augen. Weder bewegten sich die Zeiger der Uhr, noch bewegte sich etwas auf dem flimmernden Überwachungsmonitor. Außer ihr war niemand in der Eingangshalle. Zur Untätigkeit verdammt griff sie nach ihrer „Merry Christmas“-Tasse und trank einen großen Schluck Kaffee, zumindest der dicke, alte Mann mit dem roten Mantel hatte ein Lächeln auf den Lippen. Ihre Schicht würde erst in knapp vier Stunden enden, erst dann durfte Karen nach Hause. Sie freute sich auf einen ruhigen Weihnachtsmorgen und auf das Glänzen in den Augen ihrer Tochter, wenn sie ihr das Geschenk überreichte.

 

Karen stieß einen leisen Seufzer aus. Die Schicht am Weihnachtsabend war schon immer die mit den wenigsten Fluggästen und nun, da Alberta seit Tagen in einem nicht enden wollenden Schneesturm versank, waren die meisten Flüge die auf dem „Southern Alberta International Airport“ laden sollten gestrichen. Karens Blick fiel auf die Anzeigetafel. Ein einziges „delayed“ hatte sich in die vielen „canceled“ geschummelt. Sie rechnete nicht damit, dass der Flug AN-4591 während ihrer Schicht ankommen würde. 

Wenn es nach ihr ginge, wäre sie heute einfach zu Hause geblieben. Leider war das keine Option, Dienst war Dienst und sie brauchte das Geld, nicht nur für die Miete, sondern auch um ihrer Tochter wenigstens ein kleines Geschenk machen zu können. Karen betrachtete das kleine Päckchen, das neben dem Überwachungsmonitor lag. Hoffentlich gefiel ihr der Anhänger, den sie ausgesucht hatte. Karen hatte das Gefühl, dass sie ihre Tochter immer weniger verstand. Hatte sie sich als Teenager auch so verhalten? Bestimmt. Diese Jahre würden vorbei gehen. Karen legte die Füße auf den Schreibtisch und griff sich das Buch, was sie wohlweislich in der Schublade ihres Schreibtischs verstaut hatte. Ein paar Seiten könnte sie noch schaffen bis Herbert vom Flughafensicherheitsdienst seine Runde beendet hatte und sie endlich ihre wohlverdiente Kaffeepause machen konnte. „Tropical Love“ war kein literarisches Meisterwerk, aber genau, dass was ihre Seele in dieser kalten Einsamkeit brauchte. Karens Augen flogen über die Seiten und ihr Geist entglitt der drögen Enge des Flughafenschalters, entglitt der Dezemberkälte und dem fast meterhohen Schnee, der sie wie eine Decke auf die Welt gelegt hatte. Palmen, Sonne, Strand.

 

Das Rascheln des Schlüsselbunds eilte Herbert voraus, wie ein getreuer Bote der einen königlichen Tross ankündigte. Bei jedem der Schritte des Mannes schlugen die Schlüssel im Takt. Karen wurde aus der tropischen Wärme ihres Inselparadieses in das winterliche Kanada zurückgeholt. Sie legte das Buch zur Seite und stand auf. Sie holte eine zweite Kaffeetasse aus dem Schrank und stellte sie zusammen mit der Kanne auf den Tresen, der ihren Schalter von der Wartehalle abtrennte.

„Na Karen alles ruhig bei dir?“

Herbert lehnte sich mit seiner massigen Gestalt an den Tresen, der Schlüsselbund schlug kurz gegen die Vertäfelung, dann war es wieder still.

„Sogar etwas zu ruhig. Schwarz mit zwei Stück Zucker?“ Karen reichte Herbert die Kaffeetasse.

„Genau, Danke. Du bist ein Engel.“

Der Wachmann lächelte sie an. Karen mochte den alten stets freundlichen Mann. Mit dem grauen, schütteren Haar und dem buschigen Schnauzbart erinnerte er sie an ihren Opa, den sie nur aus Erzählungen und von Fotos kannte. Herberts Blick fiel auf das mit rotem Papier eingeschlagene Päckchen.

„Das ist aber ein schönes Geschenk, das wäre aber nicht nötig gewesen.“

Karen grinste. „Das ist für meine Tochter Debbie, es ist ein Anhänger in Form eines Sterns. Ich hoffe, es gefällt ihr.“

„Natürlich wird es ihr gefallen, wenn ich in meinem Leben etwas gelernt habe, dann dass die Geste oft wichtiger ist als das Geschenk an sich.“

Karen schüttete sich einen Schluck Milch in den Kaffee.

„Herbert, du hast doch früher eine Zeitlang in Europa gelebt, oder?“

„Ja. Wieso fragst du?“

Der Wachmann nippte an seinem Kaffee. Karen griff sich das Kreuzworträtsel und den Bleistift.

„Ich habe hier noch ein paar offene Felder, bei denen ich deine Hilfe brauchen könnte.“

Herbert richtet seine Brille und inspizierte das Rätsel.

„Das Land könnte Island oder Irland sein.“

Karen machte sich eine Notiz.

„Aber älteste Stadt Englands? Tut mir leid, da kann ich dir nicht helfen.“

„Ich dachte…“ „Du dachtes, weil ich so alt bin, weiß ich das? Älter als England bin ich aber nicht.“

Sie lachten. Die kurzen Gespräche mit Herbert waren das Einzige, was diesen drögen Abend erträglich machte. Er erzählte über seine Zeit in Frankreich und wieso er Kanada für das schönste Reiseziel der Welt hielt.

„Ich glaube ja nicht mehr, dass heute noch irgendein Flugzeug ankommt“, sagte Herbert mit einem Blick auf die Anzeigetafel.

„Heute kam bisher eine Maschine an und das vor“, Karen blickte auf die Uhr, „sechs Stunden. Na ja, wenigsten ist meine Schicht bald rum.“

„Apropos rum.“ Herbert leerte den Rest seines Kaffees mit einem großen Schluck. „Meine Pause ist jetzt auch schon wieder rum. Ich bin dann in einer Stunde wieder bei dir.“

Karen räumte die Tassen bei Seite und griff sich das Buch. Sie hatte keine Lust mehr auf das Kreuzworträtsel. Eigentlich mochte sie keine Rätsel, aber irgendwie musste sie die Zeit hier totschlagen nun wo das Lösungswort „Schmetterling“ eingetragen war, hatte sie jedes Interesse an den freien Feldern verloren. Sollte die Ablösung ihr Glück mit der ältesten Stadt Englands versuchen. Karen griff sich das Buch, brachte ihre Beine wieder in eine erhöhte Position und las weiter. Das Buch gefiel ihr überraschend gut, es war nicht so schnulzig wie viele andere Bücher dieses Genres. Aufmerksam folgte sie dem Leben und den Träumen von Laura, einer jungen Amerikanerin, die versuchte ihr Glück in der Karibik zu machen. Laura war mutig, sie ließ alles hinter sich, um in der Ferne ein neues Leben anzufangen. Einfach weggehen und nie mehr wiederkommen. Mit jeder Seite die Karen las, wünschte sie sich auch, so mutig seine zu können.

 

Der gleichmäßige Klang von Schritten drang an Karrens Ohren. War es schon so spät? Hatte Herbert seine Runde schon beendet? Irgendetwas stimmte nicht, irgendetwas fehlte. Karen legte das Buch zu Seite. Genau. Das rhythmische Geklapper des Schlüsselbundes. Sie stand auf und blickte sich um. Im ersten Moment war sie sich nicht sicher, ob sie sich die Geräusche nicht doch eingebildete hatte, dann konnte sie den Mann sehen, wie er die Ankunftshalle verließ. Es war doch gar kein Flieger angekommen. Hatte der Mann genau wie sie die ganze Zeit auf die Ankunft von Flug AN-4591 gewartet? Oder war er ein Fluggast des letzten Flugs aus Saint Paul, dann hätte er aber über sechs Stunden im Ankunftsbereich verbracht? Karen strich sich die Uniform glatt, während der Reisende stetigen Schritts näherkam. Nun konnte sie ihn besser erkennen. Er war weder für die Jahreszeit noch für das Jahrzehnt angemessen gekleidet. Er trug einen Hut, der mit seinem tiefen Schatten das Gesicht verbarg, einen Trenchcoat dazu eine dunkle Hose und Lackschuhe, die selbst auf die Entfernung unnatürlich glänzten. Das einzige Gepäckstück, das er mit sich führte, war eine dunkle Tasche mit silbernem Griff, einer Doktortasche nicht unähnlich. Karen verließ ihren Schalter und ging ein paar Schritte auf den Reisenden zu, der sie keines Blickes würdigte.

„Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen helfen?“ Erst jetzt schien der Mann sie zu bemerken. Er hob seinen Blick und lächelte Karen freundlich an.

„Nein, Sie können mir nicht helfen. Ich warte seit geraumer Zeit darauf, abgeholt zu werden aber niemand kommt“, sagte er in einem seltsam anmutenden Singsang. Er schaute demonstrativ auf seine altbackene Armbanduhr.

„Bei dem Schnee sind leider viel Straßen gesperrt. Selbst das Räumen des Rollfelds kann nicht garantiert werden. Sie kamen aus Saint Paul?“

„Wie bitte?“

„Ich fragte, ob Sie mit der Maschine JB-3471 aus Saint Paul kamen.“ Der Mann überlegte einen Moment zu lange und eine unangenehme Stille entstand. Hier am Southern Alberta International Airport passiert zwar nie wirklich viel, dennoch ließ dieser gut gekleidete Mann Karens Alarmglocken schrillen. An jedem großen Flughafen in Nordamerika wäre der Reisende in der Menge seiner Gleichgesinnten untergegangen. Ein eleganter Mann im besten Alter, die Stütze der Gesellschaft. Hier aber war er allein. „Ja. Ich bin hier mit der Maschine aus Saint Paul angereist. Leider konnte mich meine Verabredung nicht abholen, weswegen ich hier immer noch festsitze.“

War das ein Akzent oder ein Dialekt? Diese ungewöhnliche Betonung der Silben, diese für Karen unbekannte Sprachmelodie, diese gestelzte Ausdrucksweise.

„Soll ich versuchen Ihnen ein Taxi zu holen? Ein paar der Fahrer haben Trucks, damit würden Sie sicher in die Stadt kommen.“ Sie deutet fragend auf die Stelle, wo sich hinter dem Tresen das Telefon befand. Auch wenn der Mann ihre Frage nicht beantwortet hatte, bewegte sie sich zurück auf ihren Platz. Ihr Reich, der Ort wo sie sich auskannte. Die Sperrholzplatte trennte sie von den Reisenden wie die Mauer einer Burg.

 

Der Mann sah ihre Bewegung wohl als Zeichen, dass das Gespräch zu Ende war und wollte sich in Richtung des Ausgangs bewegen. Einen kurzen Moment war Karen froh, dass der einsame Reisende sich entfernen wollte. Aber tief in ihrem inneren war ihr klar, dass das Protokoll in diesem Fall eingehalten werden musste. Wenn der Mann wirklich sechs Stunden in der Ankunftshalle gewartet hatte, hatte er bisher weder die Pass- oder Gepäckkontrolle passiert.

„Würden Sie bitte mit mir zum Schalter kommen. Ich muss Ihre Personalien prüfen.“ Er hielt innen, für einen surrealen Augenblick dachte Karen, dass sie ihn niemals einholen könnte, wenn er nun einfach rennen würde. Doch der Mann rannte nicht los. Er drehte sich auf dem Absatz um und kam zum Tresen. Die eine Hand hielt den Griff der Tasche fest umschlungen, die andere legte er flach auf das weiß lackierte Holz. Karen schob das Geschenk von den Unterlagen, griff sich ihr Klemmbrett und startet sie ihre wohlgeübte Routine.

„Woher kommen Sie?“

„Saint Paul.“

„Was ist der Grund ihres Aufenthalts in Kanada?“

„Es ist kein längerer Aufenthalt geplant. In Kürze steht die Weiterreise an.“

„Durchreise also.“ Karen machte sich Notizen auf dem dafür vorgesehenen Fragebogen.

„Ich bräuchte ihren Pass.“ Dies war der erste Moment, in dem die Befragung des Mannes ins Stocken kam. Er ging leicht in die Knie und Karen konnte hören, wie die Tasche sanft auf dem Steinboden aufsetzte. Er tastete suchend seine Brust ab, dann die Flanken. Karen betrachtet die halbherzige Suche des Mannes bevor sie sie mit einer weiteren Anweisung beendete.

„Kommen Sie bitte mit, ich möchte nun Ihr Gepäck überprüfen, vielleicht finden wir ja in der Tasche Ihren Pass.“ Sie lächelte, ihr Gegenüber verzog keine Miene. Die zuvor zur Schau getragene Höflichkeit war einer undurchsichtigen Gefühllosigkeit gewichen. Karen wies ihn mit einer Geste in die Richtung eines Raums, der rechts neben dem Tresen lag. Erneut brauchte der Mann eine gewisse Anlaufzeit, bevor er der Aufforderung folgte. Er griff nach seiner Tasche und lief in Richtung der grau gestrichenen Tür, in die ein kleines Bullauge eingelassen war. Der Mann blieb vor der Tür stehen, machte einen Schritt zur Seite und ließ Karen vorbei. Diese hatte sich mit ihrem Klemmbrett und ein paar schwarzen Einmalhandschuhen bewaffnet. Sie drückte die Klinke herunter und betrat den Raum, der diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient hatte. Die Kabelstränge an der Decke waren nur teilweise verschalt. Decke und Wände waren im selben Farbton wie die Tür gestrichen worden, einzig der graugrüne PVC Boden war auf seine bescheidene Weise ein Farbklecks. Karen legte das Klemmbrett auf den Tisch, der in der Mitte stand und ging dahinter in Position.

 

Der Mann schloss die Tür hinter sich und eine unangenehme Stille flutete den Raum. Wie zwei Duellanten standen sich Karen und der Reisende gegenüber. Bewaffnet mit einer Tasche und einem Stift, getrennt durch einen schlichten Campingtisch. Karen klickte mit dem Kugelschreiber.

„Bitte stellen Sie die Tasche auf den Tisch und ziehen Sie ihren Mantel aus.“ Mit aller gebotener Vorsicht stellte der Mann seine Tasche auf den Tisch. Das Holz knarrte und die Tischplatte bog sich, zur Karens Überraschung, leicht durch. Sie hätte die Tasche nicht so schwer eingeschätzt und diesen Mann ihr gegenüber nicht so stark. Den Trenchcoat legte er neben die Taschen, anschließend nahm er seinen Hut ab und auch dieser fand seinen Weg auf den kleinen Tisch.

 

Zum ersten Mal konnte Karen das Gesicht des Reisenden vollständig erkennen. Der Mann war nicht mehr als eine Handbreit größer als sie, vielleicht 1.80 m. Wenn er endlich seinen Pass herausgeben würde, könnte sie auch die Vermutung über sein Alter bestätigen. Vorerst blieb ihr nur eine grobe Schätzung. In ihrem Geist legte sie sich auf Anfang bis Mitte vierzig fest. Nun wo er den Mantel ausgezogen hatte, erkannte Karen, dass der Körper des Mannes verschobene Proportionen hatte, der Oberkörper war irgendwie zu groß für den Rest des Körpers und die Finger, die gerade noch den Griff der Tasche umklammert hatten, waren unangenehm lang und dünn. Dem Mann war seine intensive Musterung nicht verborgen geblieben und er starrte Karen aus seinen braunen Augen an. Sein rundliches Gesicht zeigte immer noch keine Gefühlsregung. Grobschlächtiger Kerl, dachte Karen. Die elegante Kleidung wirkte eher wie eine Verkleidung als ein standesgemäßes Outfit. Auf seiner hohen Stirn befand sich ein roter Striemen, eine Hinterlassenschaft des Hutes, genauso wie seine platt gedrückten rotblonden Haare.

„Könnte ihr Pass vielleicht in der Tasche sein?“ Karen tastete den Mantel ab, spürte aber keinen Widerstand. Der Mann verschränkte die Arme.

„Haben Sie ihre Tasche selbst gepackt? Wenn Sie nicht kooperieren, bin ich gezwungen die Polizei zu rufen. Ich möchte Ihnen nicht drohen, sondern möchte Sie nur über die Konsequenzen in Kenntnis setzten.“

„Jede unsere Handlungen hat Konsequenzen, bevor wir etwas tun müssen wir uns über diese klar werden. Erst dann sollten wir uns für eine Handlung entscheiden.“ Karen hob die Augenbraue, sie hatte schon so viele Gepäckstücke durchsucht, dass sie nichts mehr wunderte.

„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich dem Ernst der Lage bewusst sind! Wenn Sie nicht kooperieren, muss ich Sie verhaften lassen. Also geben Sie mir Ihren Pass und öffnen Sie bitte ihre Tasche. Vorher dürfen Sie diesen Raum nicht verlassen.“ Der Mann blieb ruhig, blickte von Karen zu seiner Tasche und wieder zurück.

„Sie lassen mir keine Wahl?“ Karen schüttelte entnervt den Kopf. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt. Der Mann, der sich ihr gegenüber an die Wand gelehnt hatte, verursachte ihr Unbehagen. Von skurril über seltsam hin zu bedrohlich in nur ein paar Sätzen.

„Ich werde nun Ihr Gepäck durchsuchen. Haben Sie etwas anzugeben? Zigaretten? Alkohol? Bargeld in einem Wert von über 10.000 kanadischen Dollar? Wenn ja ist es nun ihre letzte Chance, es anzugeben.“ Karen beugte sich über den Tisch, griff nach dem Öffnungsmechanismus der Tasche und hielt kurz inne. Sie taxierte den Reisenden, der sein Gewicht nur von einem Fuß auf den anderen verlagerte, dann schüttelte er den Kopf.

„Ich habe nichts anzugeben. Nichts von all diesen kleingeistigen Gütern. Geld hat dort, wo ich herkomme keinen Wert. Besitz hat dort, wo ich bald sein werde keine Bedeutung. Sie können die Tasche nun öffnen, wenn Sie die Konsequenzen dieser Entscheidung tragen.“ Karen legte die Stirn in Falten. Seine Konsequenzen würden mindesten eine Nacht in einer Zelle sein, wenn in dieser Tasche nicht der Ausweis zu finden wäre. Egal was passieren würde, sie war froh, diesen seltsamen Mann bald los zu sein. Sie betätigte den Mechanismus der Tasche und zwei silberne Spangen schnappten auf. Ein letzter Blick zum Besitzer, dieser zeigte keine Regung der Angst oder Sorge, dann öffnete Karen die Tasche. 

Karens Augen weiteten sich. Ihr Herz schlug schneller, aus jeder Pore brach der Schweiß. Was zur Hölle war das. Es war so fremd und schön, es leuchtet in unendlich vielen Farben und doch war es im Grunde eine bodenlose Schwärze.

„Es ist wunderschön!“ Karen keuchte. Sie konnte ihren Blick nicht davon losreißen. Sie studierte die Wirbel und die hellen Punkte, die so aussah wie fliegender Staub. Sie wollte verstehen.

„Langen Sie die Galaxie nicht an.“ Aus der Ferne echote die Stimme des Mannes. Obwohl er weniger als zwei Meter von ihr entfernt stand, konnte sie seinen melodischen Singsang kaum verstehen. Sterne, Planeten und Kometen waberten in der Unendlichkeit der Tasche hin und her.

„Nicht anfassen!“ Karen streckte die Hand nach einem besonders schönen Lichtpunkt aus. Blauschimmernd und nicht größer als eine Murmel.

„Nicht…“ Karen überwand einen Widerstand, nicht stärker als für eine Hand, die durch die Wasseroberfläche bricht. Dann spürte sie den Schmerz.

„Was haben sie getan! Sie sollten die Galaxie nicht anfassen. Sie können sie aus dem Gleichgewicht bringen.“ Karen blickte dorthin, wo noch vor ein paar Sekunden das grobschlächtige Gesicht mit der hohen Stirn zu sehen war. Es war verschwunden. Hunderte Augen hatten das menschliche Antlitz verdrängt. Unaufhörlich schlossen sich die Lieder in einer chaotischen Kaskade. Ein Spalt formte sich und erneut erklang der Singsang.

„Es war Ihre Entscheidung. Nun muss das Gleichgewicht wiederhergestellt werden.“ Das Echo drang von allen Seiten auf Karen ein. Sie war gelähmt. Spürte weder Schmerz noch Angst. Ihr Blick fokussiert auf die Tausenden kleinen Augen, die sie erbarmungslos anstarrten. Der Reisende streckte seine dürren Finger aus und deutete auf die Tasche. Erst verstand Karen nicht, was er von ihr wollte, dann folgte ihr Blick dem Weg der dürren Finger. Er führte zu ihren Eigenen. Sie starrte auf das Schwarz des Handschuhs, konnte das Zartrosa ihrer Haut erkennen, das Rot des Blutes und letztlich das Weiß ihrer Knochen. Eine unerbittliche Kraft riss an Karens Arm. Sie stützte sich mit der anderen Hand auf dem Campingtisch ab. Wehrte sich mit Leibeskräften, aber es war aussichtslos. Immer tiefer wurde sie von der Galaxie in die Tasche gezogen. Unerbittlich halte der Singsang von den Wänden wieder. „Es war ihre Entscheidung.“ Als Karen schon bis zur Schulter in der Tasche verschwunden war, gab sie den Kampf verloren. Ihre Füße verloren den Kontakt zu dem graugrünen Plastikboden. Kurz bevor sie kopfüber in die Galaxie stürzte, warf sie einen letzten Blick auf den Reisenden. Sie war sich nicht sicher, konnte sie ein mildes Lächeln erkennen? Wärme breitete sich in ihr aus, ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Schmerz, Angst, Tod, das alles hatte keine Bedeutung an dem Ort, zu dem sie auf dem Weg war. 

 

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Comments: 1
  • #1

    Kiki (Saturday, 21 December 2019 17:10)

    Da glaubt man am Anfang an eine Weihnachtsgeschichte und dann das�
    Ich bin wirklich überrascht von Dir. Gar kein Nerd Doktor, sondern ein Mensch mit viel Fantasie. Es gefällt mir, wir Du mit 3 Charakteren und in wenigen Minuten eine ganze Welt erschaffst.
    Liebe Grüße Kiki