Mr. Petersons Vermächtnis

 

Seit Jenny denken konnte, war Mr. Peterson von gegenüber alt. Ein ruhiger, betagter Mann mit schlohweißem Bart und einem dichten weißen Haarkranz. Die meiste Zeit verbrachte er vor seiner Staffelei auf der Veranda sitzend, mit einer Malerpalette in der einen Hand und einem Pinsel in der anderen. So war es, als Jennys Vater ihr an einem heißen Sommertag Fahrrad fahren beibrachte. Der Asphalt glühte, Jenny hatte Angst, ihr Vater sprach ihr Mut zu und Mr. Peterson, Mr. Peterson schwang den Pinsel. Nur selten wendete der alte Mann den Blick ab, hob den Arm zum Gruß oder wechselte ein paar Worte mit den Nachbarn. So war es, als Jenny eingeschult wurde, die Hand ihrer Mutter fest umklammert ging sie zum ersten Mal den Weg, der sie von nun an jeden Tag an Mr. Peterson Veranda vorbeiführen würde.

 

Wenn Jenny morgens das Haus verließ, um zur Schule zu gehen, saß Mr. Peterson schon auf der Veranda und malte, wenn sie mittags nach Hause kam, saß Mr. Peterson auf der Veranda und malte. Wenn sie sich nachmittags mit ihrem Cousin Bobby zum Spielen traf, saß Mr. Peterson auf der Veranda und malte und wenn sie an mutigen Tagen abends vor dem Schlafengehen noch einen Blick aus dem Fenster warf, saß Mr. Peterson immer noch da und malte. Dann fand Jenny den alten Mann am gruseligsten, die schwachen Ölfunzeln erzeugten ein gespenstisches Licht und tauchten Mr. Peterson in obskure Schatten. In diesen Nächten schlief Jenny unruhig.

 

Eines Tages, als Jenny und Bobby am Ufer des nahe gelegenen Flusses spielten, erzählte ihr Bobby, was in der Schule nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert wurde, dass Mr. Peterson schon längst verstorben wäre. Er sei ein wandelnder Toter, er brauche kein Essen, kein Trinken und keinen Schlaf, nur das Malen, das brauchte er, würde er aufhören zu malen, würde er sich auflösen. Obwohl Jenny ihrem Cousin nicht glaubte, wechselte sie seit diesem Tag die Straßenseite, wenn ihr Schulweg sie an Mr. Petersons Haus vorbei führte. Bobby, der sie begleitete, tat es ihr gleich, wobei er jedes Mal behauptete, dass er keine Angst habe, es sei nun Mal der kürzeste Weg. Währenddessen wanderten ihre Blicke zu dem alten Mann und zurück. Mr. Peterson beachtete sie nicht, weder hob er seinen Blick, noch sprach er sie an. Er malte. Stunde um Stunde, Tag um Tag, mit ruhiger routinierter Hand erschuf er ein Gemälde nachdem anderen.

 

Dann kam der letzte Schultag, die großen Ferien standen vor der Tür. Jenny hatte gute Noten bekommen und als Belohnung fuhren sie und ihre Eltern in den Urlaub. Drei Wochen verbrachten sie an der Westküste. Drei Wochen Sonne, Strand und Meer. Drei Wochen ohne Mr. Peterson und als der Urlaub sich dem Ende näherte, hatte sie den seltsamen, alten Mann fast vergessen. 

Der Morgen, der den ersten Schultag ankündigte, war trist und grau, was zum Großteil daran lag, dass Jenny sich nicht auf die neue Schule freute. Ihre Eltern hatten ihr am Abend zuvor verkündet, dass sie und Bobby nicht mehr in derselben Klasse waren, nicht einmal mehr auf derselben Schule. Jenny bekam neue Lehrer, neue Mitschüler und einen anderen Schulweg. 

 

Als sie sich an diesem Morgen auf den Weg zur Schule machte, blickte sie fast wehmütig auf den malenden Mr. Peterson. In diesem Moment fürchtete sich Jenny mehr vor dem Neuen, was vor ihr lag, als vor dem seltsamen, alten Mann. Zum Glück erwies sich Jennys Furcht als unbegründet, zwar bekam sie viele neue Klassenkameraden, jedoch gingen viele ihre Freundinnen auf dieselbe Schule und bis auf ihren Cousin Bobby vermisste sie nichts. 

 

Zwei Tage später fuhren mehrere große Laster an Jennys Haus vorbei und nahmen ihr den Blick auf Mr. Peterson, als sie nun wieder fröhlich zu Schule schlenderte. Dort angekommen erfuhr sie den Grund, warum ihr der Anblick von Mr. Peterson heute erspart worden war. In der Reihe vor ihr saß ein neuer Mitschüler mit feuerroten Haaren und Sommersprossen. Der Lehrer stellte ihn als James Tenner vor, James Tenner stellte sich als Jamie vor. In der Pause erzählte er Jenny, dass seine Familie gerade erst in ihre Straße gezogen war. Ganz hinten, das letzte Haus vor den Feldern. Genau, das mit den drei großen Eichen im Garten. Jamie erzählte, dass sein Vater beim Militär war, dass er ein Einzelkind war, dass er Baseball liebte und Football doof fand. Jamie trug sein Herz auf der Zunge und sein Wesen auf dem Kopf. Man musste ihn einfach mögen. So ging es Jenny, ihren Klassenkameraden und ihrem Cousin Bobby, mit dem sie sich nachmittags zum Spielen verabredeten. 

 

Unten am Fluss, dort wo Bobby ihr hinter vorgehaltener Hand die Geschichten von Mr. Peterson erzählt hatte, trafen sich die drei zum Spielen und dort erzählt Bobby auch Jamie die Geschichten. Nur fiel dessen Reaktion anders aus, als die von Jenny. Jamie war begeistert, er liebte das Abenteuer, war der Erste, der im Schwimmbad vom Sprungturm sprang und der Letzte, der eine Mutprobe ablehnte. Jamie wollte zu diesem Mr. Peterson, Jamie wollte sich ein Bild von dem Kauz machen, er konnte nicht verstehen, dass die anderen beiden nie wissen wollten, was Mr. Peterson eigentlich malte. Er versuchte Jenny und Bobby dazu zu bringen, dass sie ihm folgten. Wenn sie auf den Baum des Nachbargrundstücks kletterten, hätten sie einen guten Blick auf die Leinwand und könnten sehen, woran der alte Mann gerade arbeitete. Jenny wurde bei dem Gedanken auf diesen Baum zu klettern übel und Bobby blickte nur verlegen auf seine ausgelatschten Schuhe und murmelte etwas von dem Hund der Nachbarn. Jamie winkte ab, er sah ein, dass die beiden für diese Art von Abenteuer nicht zu haben waren.

 

Zwar hatte Jamie die Idee verworfen, Jenny und Bobby auf diesen Baum zu bekommen, jedoch hatte er das Interesse an Mr. Peterson, sehr zum Missfallen von Jenny, nicht verloren. Eines Tages in der Pause zeigte er ihr ein Fernglas, das er aus den Armeebeständen seines Vaters abgezweigt hatte. Damit würde er einen Blick auf Mr. Petersons Leinwand erhaschen können, ohne dass sie auf den Baum klettern mussten.

 

Obwohl Jenny immer noch ein mulmiges Gefühl hatte, ließ sie sich von Jamie und Bobby dazu überreden, mit dem Fernglas einen Blick auf Mr. Petersons Leinwand zu werfen. Die Nachmittagssonne brannte unerbittlich und Jamies Gesicht wies eine ungesunde Röte auf. Die drei stiefelten auf den nahe gelegenen Hügel und suchten einen Platz, von dem aus sie einen guten Blick auf den Maler und sein Werk haben würden. Versteckt hinter hohem Gras und von der Sonne verbrannten Büschen holte Jamie das Fernglas aus dem Rucksack. Es sei echt von der Army, total robust und irgendwie entspiegelt. Jenny fand seine Erklärungen prahlerischer als sonst, ob es daran lag, dass sie Angst hatte, wusste sie nicht. Jamie hatte sich auf den Bauch gelegt, die Ellenbogen abgestützt und spähte konzentriert durch das Fernglas, während er mit flinken Fingern eines der vielen Räder an dem Fernglas drehte. Nach einer Weile stieß er einen Pfiff aus, er hatte es geschafft.

 

Bobbys Furcht vor dem alten Mann war schon längst von seiner Neugier verdrängt worden, gierig griff er nach dem Fernglas, doch Jamie blockte ihn mit einer Bewegung seines Ellenbogens ab. Auch auf Bobby flehende Frage, was Jamie denn sehe, reagierte er nicht. Nach einer Weile, die Jenny wie eine Ewigkeit vorkam, setzte Jamie das Fernglas ab und reichte es Bobby. Jenny war sich nicht sicher, dachte aber, sie könne einen Hauch von Enttäuschung in Jamies Augen sehen. Er teilte Jenny den Grund seiner Enttäuschung mit, ohne dass sie ihn fragen musste. Der alte Mann malte nur Landschaftsbilder. Genau genommen malte er die drei Eichen, die auf dem Grundstück der Familie Tenner standen. Langweilig.

 

Bobby spähte nun endlich auch durch das Fernglas, er wollte sich von Jamies Aussage selbst überzeugen. Er ließ den Blick schweifen und tatsächlich, als Mr. Peterson sich vorbeugte, um einen Pinsel auszuwaschen, konnte Bobby es sehen, die drei Eichen und ein Teil des Hauses der Familie Tenner, auch er hatte sich mehr erwartet, obwohl er nicht wusste was. In dem Moment als Bobby das Fernglas absetzten wollte, um Jenny zu fragen, ob sie auch einen Blick auf das Gemälde werfen wollte, geschah es. Mr. Peterson drehte sich um und starrte Bobby direkt in die Augen. Bobby konnte dem, was in diesen dunkelbraunen Augen lag, nicht standhalten. Mr. Peterson starrte unverwandt zu ihnen herauf. Fragend? Suchend? Wissend? Bobby bekam einen Schreck, ließ das Fernglas fallen und rollte hinter den nächsten Busch. Nur weg von diesem Mann und seinem bohrenden Blick. Jamie versuchte die Situation mit einem Lachen zu überspielen, aber Jenny glaubte ihm nicht.

Nach diesem Erlebnis sprachen sie erst einmal nicht mehr über den emsigen Maler, der tagein tagaus auf der Veranda seinen Pinsel schwang. Es dauerte, bis sich die Blätter an den Bäumen anfingen zu verfärben, erst dann sprach Jamie Jenny erneut auf Mr. Peterson an. Er fragte sie, wie lange er schon auf der Veranda saß und malte, ob sie wüsste, wie lange er für ein Bild brauchte und ob sie der Meinung war, dass Mr. Peterson immer nur Landschaften malen würde. Jenny gefielen die Fragen nicht, und Jamie gefielen die Antworten nicht. Denn obwohl Mr. Peterson ein fester Bestandteil im Leben der Jennifer Ford war, wusste sie nicht über ihn.

 

Jamie kam zu dem simplen Schluss, dass wenn Mr. Peterson jeden Tag malte und er die Bilder nicht verkaufte oder verschenkte, eine Menge seiner Bilder in seinem Haus hängen müssten. Jenny musste Jamie widerwillig zustimmen, jedoch widersprach sie dem, was er im nächsten Moment vorschlug. Es wäre nur ein kurzer Blick durchs Fenster, mit dem Fernglas ginge es nicht, sie müssten sich schon an das Haus heranschleichen. Jenny schüttelte energisch den Kopf. Keine zehn Pferde würden sie auf das Grundstück dieses Mannes bringen.

 

Bobby, dem Jamie seinen Plan nach der Schule erläuterte, sah es genauso. Er hatte Mr. Petersons stechenden Blick nicht vergessen. Doch Jamie ließ nicht locker, wenn sie nicht mitkämen, würde er es alleine versuchen. Zurzeit wurde es früh dunkel, das wollte Jamie nutzen. Er würde warten, bis die Sonne untergegangen war und sich dann von hinten an das Haus heranschleichen, da Mr. Peterson noch bis in die Nacht im Licht der Öllaterne malte, sollte es kein Problem sein. Dann könnte er mit seiner Taschenlampe in die Räume leuchten und schauen, was Mr. Peterson neben den drei Eichen sonst noch gemalt hatte. 

 

Es kostete Jamies komplette Überredungskunst und jeweils eine Packung Lakritze, bis er seine beiden Freunde so weit hatte, dass sie ihn zumindest bis zur Mr. Petersons Grundstücksgrenze begleiteten. Dort legten sich Jenny und Bobby auf die Lauer, während Jamie mutigen Schrittes voranging. Er hatte seine feuerroten Haare unter einem schwarzen Kapuzenpullover versteckt. Von der Dunkelheit des Herbstabends gedeckt, verloren die beiden ihren Freund nach wenigen Schritten aus den Augen. Auf jede Bewegung bedacht, entdeckte Jenny Jamie erst wieder als, er sich an Büschen und Bäumen vorbei dem Haus näherte. Seine Silhouette hob sich von dem weiß gestrichenen Holz des Hauses ab, als er sich schnell atmend dagegen presste. Seine Hand umfasste die Taschenlampe. Es war so weit. Langsam näherte Jamie sich dem Fenster. Er zog die Taschenlampe aus der Bauchtasche seines Pullovers und das Licht ging an. Jamie blieb wie angewurzelt stehen. Was er sah, verschlug ihm den Atem. Es mussten Dutzende Bilder sein, an jedem freien Fleck hing ein eines. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ob im Sonnenschein des Tages oder in der Stille der Nacht. Jedes der Bilder hatte einzig und alleine die Natur in all ihren Facetten zum Thema. Und mitten unter ihnen stand Mr. Peterson. Die altersfleckenbedeckte Hand umschloss einen altmodischen Drehschalter, die Glühbirne an der Decke tauchte die Szenerie in gespenstisches Licht. Jamie erschrak, als sich ihre Blicke kreuzten, er war gelähmt und Mr. Peterson, Mr. Peterson grinste diabolisch.

 

In dem Moment, als in dem Zimmer das Licht eingeschaltet wurde, sprangen Bobby und Jenny erschrocken auf. Den Blick starr auf das hell erleuchtete Rechteck gerichtet. Jenny wollte etwas rufen, wollte Jamie zur Flucht auffordern, wollte brüllen, er solle doch von dort verschwinden. Aber sie blieb stumm. Ihr Gehirn verweigerte den Dienst. Alles, was es in ihrem Universum noch gab, war dieses Panik verursachende Licht, das aus dem Haus auf den nassen Rasen fiel. Wie in Trance rannte sie durch eine nie zuvor da gewesene Finsternis. Bobby war verschwunden, Jamie war nirgendwo zu sehen. Jenny wollte weg, Jenny wollte nach Hause. In die Sicherheit ihres Zimmers, dort konnte ihr nichts passieren. Als sie dann doch endlich die Worte wiederfand, war das Haus des alten Mannes nur noch ein verschwommener Fleck in der Dunkelheit.  

 

Jenny war ohne die Schuhe auszuziehen die Treppe nach oben gestürmt, hatte die Tür zugeschlagen und sich auf ihr Bett geworfen. Als ihre über den Dreck erboste Mutter nachfragte, was den los sei, erzählt Jenny ihr, dass sie der Hund des Nachbarn zu tote erschreckt hatte. 

Als sie am nächsten Morgen zu Schule lief, erlebte sie eine Überraschung. Mr. Peterson saß nicht auf seinem angestammten Platz auf der Veranda und die Staffelei war leer. Jenny beschlich ein ungutes Gefühl, das sich noch verstärkte, als sie feststellte, dass auch Jamies Platz leer blieb.

Die folgenden Tage rasten an Jenny vorbei. Jamie blieb verschwunden. Zuerst kam die Polizei, dann kamen die Fernsehteams, die Letzten, die kamen, waren die freiwilligen Helfer und die Schaulustigen. 

Jenny und Bobby wurden befragt und erzählten von ihrem nächtlichen Abenteuer, die Polizei wand sich an Mr. Peterson, der nun wieder malend auf seiner Veranda saß. Dieser konnte ihnen jedoch nicht helfen und nach einer kurzen Befragung durfte er sich wieder seinem Werk zuwenden, laut der Polizei malte er das Flussufer. Dort wo Jamie, Jenny und Bobby immer gespielt hatten. 

 

Nach der ersten Woche, die verging, ohne dass Jamie gefunden wurde, verschwanden die Schaulustigen, nach der zweiten Woche die Helfer, ihnen folgten schließlich die Fernsehteams, woanders passierten nun wichtigere Dinge. Einzig die Polizei, die blieb und suchte weiter. 

Als der Frühling kam, geschahen zwei Dinge, die Tenners zogen weg und dreißig Kilometer weiter östlich fischten zwei Angler etwas aus dem Wasser, das sich nach gründlicher Untersuchung als die Überreste von Jamie Tenner herausstellte, wenig später wurde die Akte für immer geschlossen. Der letzte Eintrag beschrieb, dass Jamie wohl aus Angst vor Ärger nicht nach Hause, sondern zu seinem Lieblingsplatz am Fluss gerannt sei, dort sei er gestürzt, ins Wasser gefallen und ertrunken. Der Tod des Jamie Tenner war ein tragischer Unfall und Mr. Peterson saß auf der Veranda und malte.

 

Jenny kannte Jamie besser, besser als die Polizei, besser als die Ärzte und besser als die Journalisten. Sie wusste, dass Jamie niemals Angst gehabt hätte. Doch sie schwieg, genau wie ihr Cousin Bobby. Die Jahre vergingen und Jamies feuerrote Haare verblassten im Strudel der Zeit. Jenny wurde vom Mädchen zur Frau, zog weg und ging zur Universität.

Eines Tages, bei dem wöchentlich stattfindenden Telefonat mit ihrer Mutter erzählt diese ihr, dass Mr. Peterson verstorben sei. Gerade stehe sie am Fenster und würde zusehen, wie das Haus des alten Malers ausgeräumt wurde. Die Männer trugen Bild um Bild aus dem Haus und stapelten sie auf dem Rasen, es mussten jetzt schon über hundert sein.

Write a comment

Comments: 1
  • #1

    Alina (Saturday, 14 December 2019 20:21)

    Lieber Johannes,
    danke für diese schaurig-spannende Kurzgeschichte. Ich bin wirklich froh, dass dieser Blog Realität wurde und bin sehr gespannt, seine Entwicklung weiter zu beobachten.
    Viele liebe Grüße
    Alina